In der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera vom 2. September 2009 war unter der Rubrik "Politik" noch vor dem unvermeidlichen Rücktritt des Chefredakteurs Dino Boffo die Meinung des bekannten katholischen Schriftstellers
Vittorio Messori zum Fall Feltri-Boffo nachzulesen. Weil die Hintergründe und die Konsequenzen in Italien immer noch diskutiert werden, habe ich zur ersten besseren Orientierung in diesem delikaten Fall für die Katholische Kirche in Italien diesen wichtigen Beitrag übersetzt, der unter dem Titel "
Die Reflexionen des katholischen Intellektuellen. Die verfehlte Klugheit und die Konsequenzen eines enormen Schadens. 'Befremden wegen der Abhandlung des medienwirksamen Falles'" erschienen war. Auf seiner autorisierten Internetseite lautet der Titel: "
Die Tugend vieler Jahrhunderte wurde vergessen: die Klugheit." Vittorio Messori hat dann nach dem Rücktritt Boffos noch ausführlicher Stellung genommen, und auch dies kann uns noch beschäftigen. Hier also die Übersetzung seines ersten Kommentars, der sich in seiner Ausgeglichenheit durchaus vom zunächst hörbaren schwarz-weiß-malerischen Konzert einseitiger Stellungnahmen wohltuend abhob:
[
BEGINN DER ÜBERSETZUNG:]
Seit einiger Zeit erreichten auch mich - so wie alle im [katholischen] Milieu - Stimmen über ein Erscheinen des "
Boffo dottor Dino, da Asolo" vor Gericht wegen einer homosexuellen Geschichte. Aber warum in Terni? Weil in diesen Breiten - so wurde mit einem schelmischem Lächeln geantwortet - die Gemeinschaft des Don Gelmini besteht, über den ebenso Gerüchte kursierten und der dann in den Laienstand zurückversetzt wurde, weil er
päderastischer Mißbräuche beschuldigt worden war. Später erfuhr ich, daß einige versucht hatten, die Akten vom Gericht zu erhalten: öffentliche Dokumente, gemäß dem Gesetz, aber nicht freigegeben zum Schutz des Rufes des Angeklagten. Aber auch so war ich als Katholik nicht beruhigt. Früher oder später gibt es immer jemanden, der die peinlichen Dossiers ans Licht bringen würde (wegen politischer Gegnerschaft, aus Rache oder aufgrund der Suche nach einer exklusiven Meldung). Genau das ist jetzt passiert, mit dem enormen Imageschaden für die Kirche, den ich befürchtete, wie auch immer der zukünftige Verlauf der Angelegenheit sei. Damit es klar ist: ich bekräftige Dino meine brüderliche Nähe in dem ganz schweren Moment, den er durchlebt, wobei ich ihm - und uns - die Kraft wünsche, alles aufzuklären. Und es sei mir unter anderem ein Zeugnis erlaubt, was seine professionelle Redlichkeit bestätigt. Unter den Katholiken sind viele - trotz meiner Dementis - überzeugt, daß er an der Unterbrechung meiner zweiwöchentlichen Rubrik "Vivaio" Schuld trüge, die ich jahrelang im
Avvenire über hatte und die auch - zusammen mit Gegnern - auf leidenschaftliche Leser zählte. Das Ende dieser Rubrik war eine vollkommen selbständige Entscheidung von meiner Seite, die mir sogar die wiederholten und aufrichtigen Klagen seitens Boffo einbrachte. In jedem Falle haben wir dank seiner den Sprung an Qualität und Einfluß einer Zeitung bewundern können, welche in bestimmten Zeiträumen wie ein graues halbamtliches Blatt erschien.
Da ich dies nun alles vorausgeschickt habe, drängt uns die Ehrlichkeit dazu, das Befremden über das Verhalten der kirchlichen Hierarchie zu bekennen, von der das katholische Mediensystem [in Italien] abhängt. In diesem ist Boffo der Angelpunkt: Verantwortlicher von
Avvenire,
Sat2000 (der Fernsehsender, in den die Katholische Bischofskonferenz Italiens Millionen investiert hat und weiterhin investiert),
InBlu (das Rundfunknetzwerk mit gut 200 Sendern). Es geht also um einen institutionell verankerten Mann an der Spitze der kirchlichen Gemeinschaft, auch wenn er Laienchrist ist. Wenn ich die Geschichte der Kirche durchgehe, so habe ich an ihr eine Konstante bewundert: Kardinäle und Bischöfe haben von allen Tugenden her immer alles mit jener der Klugheit begleitet, darüber wachsam wachend, daß die Gefahren abgehalten würden. Wir fragen uns, was nun passiert ist. Die traditionelle Klugheit hätte nach dem Urteil des Jahres 2004 tatsächlich vorgesehen, den "Verurteilten" um dessen Rückzug zu bitten, um andere Aufgaben anzunehmen, die weniger für Erpressungen und Skandale exponiert gewesen wären. Und dies sogar dann, wenn es sich um ein Mißverständnis, um einen Racheakt oder um einen Justizirrtum gehandelt hätte. Plutarch lobt Caesar, der die Ehefrau auf der Basis widersprüchlicher Verdachtsmomente verstieß, indem er sagt, daß das Prestige des Hauptes von Rom keine Schatten duldete, selbst wenn sie erfunden wären. Das Urteil von Terni ist anfechtbar? Alles ist in Wirklichkeit eine wertlose Münze? Wenn dies bewiesen werden kann, was wir annehmen und hoffen, werden wir einen Seufzer von Erleichterung ausstoßen. Indes aber ist auf den ersten Seiten ein Mann als Bild der Kirche Italiens ausführlich aufgeschienen und wird weiter als solcher hervorstechen, "andersartiger" Vorlieben verdächtigt, dessen Schatten heute mehr denn je auf den klerikalen Kreisen lastet. Der Fall wäre früher oder später ans Licht getreten, und zwar auf böswillige Weise: warum nämlich fünf Jahre abwarten, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und die Sichtbarkeit zu reduzieren? Und dies auch im Falle eines reinen Gewissens. Wenn eine Zeitung "
das Monster auf die Titelseite geworfen" hat, dann weil Kardinäle und Bischöfe - deren Kompetenz es war - ihn nicht anderen Aufgaben zuführten, die von politischen Angriffen entfernt gewesen wären.
Zugegeben, schwierige Fragen. Aber Fragen eines Gläubigen, der weiß, daß das Bild der Kirche keinen weiteren Fall benötigt hätte, der vielen erlauben würde, murrend das Haupt zu schütteln, wenn auch ungerechterweise: "
So viel ist uns klar: die Priester und ihre Freunde spielen bei uns die Moralisten, aber sie selbst treiben es im geheimen noch viel schlimmer ..." Wie die Sache auch immer ausgeht, der Schatten und der Verdacht werden bleiben. Es kommt teuer, die Tugend der Klugheit zu unterlassen.
[
ENDE DER ÜBERSETZUNG.]
http://bit.ly/4o2m9 war 1. Einschätzung Messoris zu Boffo
Aufgenommen: Sep 16, 14:50
VITTORIO MESSORI: DER FALL BOFFO UND DIE KLUGHEIT http://bit.ly/rCizF
Aufgenommen: Sep 18, 05:39