Sonntag, 25. Dezember 2011
WEIHNACHTEN 2011: II. VATIKANISCHES ... Geschrieben von Padre Alex / Dr. Alexander Pytlik
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08:15
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WEIHNACHTEN 2011: II. VATIKANISCHES KONZIL WIRD NICHT ZURÜCKGEDREHT
Bereits am 1. Dezember 2011 erschien in L'Osservatore Romano ein wegweisender Beitrag zum heutigen 50. Jahrestag der Einberufung des XXI. Ökumenischen Konzils, besser bekannt als das II. Vatikanische Konzil der Katholischen Kirche. Weil es nicht angehen kann, daß bestimmte Gruppen dieses Konzil als ganzes oder in Teilen in Frage stellen, es teilweise völlig falsch interpretieren oder gar die Rechtmäßigkeit seiner Einberufung bezweifeln, übernehme ich ganz bewußt - nach der heutigen stillen Hirtenmesse in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus (in der mir anvertrauten Marienwallfahrtskirche) - diesen absolut richtigen und verbindenden Beitrag vom hwst. Herrn Generalvikar der Personalprälatur des Opus Dei, Monsignore Fernando Ocáriz:
ÜBER DIE ZUSTIMMUNG ZUM ZWEITEN VATIKANISCHEN KONZIL AM 50. JAHRESTAG SEINER EINBERUFUNG Der [bevorstehende] 50. Jahrestag der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils (25. Dezember 1961) ist Anlaß zum Feiern, aber auch zu einem erneuerten Nachdenken über die Rezeption und Umsetzung der Konzilsdokumente. Dabei gilt es, neben den unmittelbar praktischen Aspekten dieser Rezeption und Umsetzung mit ihren Licht- und Schattenseiten auch das Wesen der verstandesmäßigen Zustimmung, die den Konzilslehren gebührt, in Erinnerung zu rufen. Obwohl die Lehre darüber bekannt ist und dazu eine reichhaltige Bibliographie vorliegt, ist es angebracht, ihre Grundzüge erneut darzulegen, weil – auch in der öffentlichen Meinung – Unsicherheiten über die Kontinuität einiger Konzilslehren gegenüber früheren Aussagen des kirchlichen Lehramts bestehen. Zunächst sollte in Erinnerung gerufen werden, daß die pastorale Ausrichtung des Konzils nicht bedeutet, daß es nicht doktrinell ist. Denn die pastoralen Aspekte gründen auf der Lehre, wie es anders gar nicht sein könnte. Vor allem aber muß betont werden, daß die Lehre auf das Heil ausgerichtet und seine Verkündigung ein wesentlicher Bestandteil der Pastoral ist. Zudem finden sich in den Konzilsdokumenten zweifellos viele Aussagen streng lehrmäßiger Natur: über die göttliche Offenbarung, über die Kirche, usw. Dazu schrieb der selige Johannes Paul II.: "Mit Gottes Hilfe vermochten die Konzilsväter im Verlauf vierjähriger Arbeit eine beachtliche Fülle von Lehraussagen und pastoralen Richtlinien für die ganze Kirche zu erarbeiten" (Apostolische Konstitution Fidei depositum, 11. Oktober 1992, Einleitung). Die dem Lehramt gebührende Zustimmung Das Zweite Vatikanische Konzil definierte kein Dogma in dem Sinn, daß es keine Lehre durch eine endgültige Verlautbarung verkündete. Wenn eine Äußerung des Lehramtes der Kirche nicht kraft des Charismas der Unfehlbarkeit erfolgt, bedeutet dies jedoch nicht, daß sie als "fehlbar" betrachtet werden kann und deshalb bloß eine "vorläufige Lehre" oder "gewichtige Meinungen" weitergebe. Jede Äußerung des authentischen Lehramts muß als das angenommen werden, was sie ist: als Lehre, die von Hirten verkündet wird, die in der apostolische Nachfolge mit dem "Charisma der Wahrheit" (Dei verbum, Nr. 8), "mit der Autorität Christi ausgerüstet" (Lumen gentium, 25), "im Licht des Heiligen Geistes" (ebd.) sprechen. Dieses Charisma, diese Autorität und dieses Licht waren im Zweiten Vatikanischen Konzil gewiß vorhanden. Wenn man dies dem gesamten Episkopat, der cum Petro et sub Petro versammelt war, um die Gesamtkirche zu lehren, absprechen wollte, dann würde man etwas leugnen, das zum Wesen der Kirche gehört (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Mysterium Ecclesiae, 24. Juni 1973, Nr. 2 - 5). Natürlich haben nicht alle in den Konzilsdokumenten enthaltenen Aussagen denselben lehrmäßigen Wert und verlangen daher nicht alle denselben Grad an Zustimmung. Die verschiedenen Grade der Zustimmung zu den vom Lehramt verkündeten Lehren wurden vom Zweiten Vatikanum unter der Nr. 25 der Konstitution Lumen gentium dargelegt. Später wurden sie zusammengefaßt in den drei Absätzen, die dem Nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis in der Formel der Professio fidei hinzugefügt wurden, die 1989 mit Approbation von Johannes Paul II. von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlicht wurde. Jene Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Glaubenswahrheiten in Erinnerung rufen, verlangen natürlich Zustimmung mit theologalem Glauben – nicht weil sie von diesem Konzil gelehrt wurden, sondern weil sie als solche bereits unfehlbar von der Kirche vorgelegt worden sind, sei es durch feierliches Urteil, sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt. Ebenso verlangen andere Lehren, die vom Zweiten Vatikanum in Erinnerung gerufen und bereits früher durch das Lehramt in einer definitiven Äußerung verkündet wurden, volle und endgültige Zustimmung. Die anderen lehrmäßigen Aussagen des Konzils verlangen von den Gläubigen einen Grad der Zustimmung, der als "religiöser Gehorsam des Willens und des Verstandes" bezeichnet wird: eine "religiöse" Zustimmung also, die nicht auf rein rationalen Motivationen gründet. Diese Zustimmung ist kein Akt des Glaubens, sondern vielmehr des Gehorsams, der aber nicht bloß disziplinärer Natur ist, sondern im Vertrauen auf den göttlichen Beistand für das Lehramt wurzelt, und sich daher "in die Logik des Glaubensgehorsams einfügen und von ihm bestimmen" läßt (Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum veritatis, 24. Mai 1990, Nr. 23). Dieser Gehorsam gegenüber dem Lehramt der Kirche stellt keine Grenze für die Freiheit dar, sondern er ist im Gegenteil Quelle der Freiheit. Die Worte Christi: "Wer euch hört, der hört mich" (Lk 10,16), sind auch an die Nachfolger der Apostel gerichtet; und Christus hören bedeutet, die Wahrheit in sich aufzunehmen, die befreit (vgl. Joh 8,32). In den lehramtlichen Dokumenten kann es auch Elemente geben – und solche finden sich tatsächlich im Zweiten Vatikanischen Konzil –, die von ihrem Wesen her nicht eigentlich lehrmäßig, sondern mehr oder weniger von den Umständen bestimmt sind (Beschreibungen gesellschaftlicher Zustände, Vorschläge, Ermahnungen, usw.). Solche Elemente müssen respektvoll und dankbar angenommen werden, aber sie verlangen keine verstandesmäßige Zustimmung im eigentlichen Sinn (vgl. Instruktion Donum veritatis, Nr. 24 - 31). Die Auslegung der Lehren Die Einheit der Kirche und die Einheit im Glauben sind untrennbar. Daraus folgt auch die Einheit des Lehramts der Kirche, das in allen Zeiten der authentische Ausleger der göttlichen Offenbarung ist, die von der Heiligen Schrift und von der Überlieferung weitergegebenen wird. Das bedeutet unter anderem, daß eine wesentliche Eigenschaft des Lehramts seine Kontinuität und Homogenität durch die Zeiten hindurch ist. Kontinuität bedeutet nicht, daß es keine Entwicklung gäbe. Die Kirche schreitet durch die Jahrhunderte hindurch voran in der Erkenntnis, in der Vertiefung und in der daraus folgenden lehramtlichen Unterweisung im Glauben und in der katholischen Moral. Im Zweiten Vatikanischen Konzil gab es einige Neuheiten lehrmäßiger Natur: über die Sakramentalität des Bischofsamts, über die bischöfliche Kollegialität, über die Religionsfreiheit, usw. Obgleich gegenüber Neuheiten in Fragen, die den Glauben oder die Moral betreffen und die nicht in einer definitiven Äußerung verkündet wurden, der religiöse Gehorsam des Willens und des Verstandes geboten ist, gab und gibt es Auseinandersetzungen über die Kontinuität einiger dieser Fragen mit dem früheren Lehramt, also über ihre Vereinbarkeit mit der Überlieferung. Angesichts von Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn es darum geht, die Kontinuität einiger Konzilslehren mit der Überlieferung zu verstehen, besteht die katholische Haltung darin, unter Berücksichtigung der Einheit des Lehramts nach einer einheitlichen Auslegung zu suchen, in der die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils und frühere lehramtliche Dokumente einander gegenseitig beleuchten. Nicht nur das Zweite Vatikanum muß im Licht der früheren lehramtlichen Dokumente ausgelegt werden, einige dieser Dokumente werden im Licht des Zweiten Vatikanums auch besser verständlich. Das ist in der Kirchengeschichte nichts Neues. Man denke zum Beispiel daran, daß wichtige Begriffe, die in der Formulierung des trinitarischen und christologischen Glaubens im ersten Konzil von Nizäa verwendet wurden (hypóstasis, ousía), durch spätere Konzilien in ihrer Bedeutung viel genauer gefaßt wurden. Die Auslegung der Neuheiten, die das Zweite Vatikanum lehrt, muß daher, wie Benedikt XVI. sagte, die Hermeneutik der Diskontinuität zur Überlieferung zurückweisen und die Hermeneutik der Reform, der Erneuerung in der Kontinuität hervorheben (vgl. Ansprache, 22. Dezember 2005). Es handelt sich um Neuheiten in dem Sinn, daß sie neue Aspekte erläutern, die bis dahin vom Lehramt noch nicht formuliert worden waren, die aber lehrmäßig den früheren lehramtlichen Dokumenten nicht widersprechen, obwohl sie angesichts der veränderten geschichtlichen und gesellschaftlichen Umstände in einigen Fällen – zum Beispiel in der Frage der Religionsfreiheit – auf der Ebene der historischen Entscheidungen über ihre rechtlich-politische Umsetzung auch sehr unterschiedliche Folgen nach sich ziehen können. Eine authentische Auslegung der Konzilstexte kann nur durch das Lehramt der Kirche selbst erfolgen. Beim theologischen Bemühen um die Auslegung jener Abschnitte in den Konzilstexten, die Fragen aufwerfen oder Schwierigkeiten zu enthalten scheinen, ist es daher vor allem geboten, den Sinn zu berücksichtigen, in dem die späteren lehramtlichen Aussagen diese Abschnitte verstanden haben. Es bleiben aber rechtmäßige Räume theologischer Freiheit bestehen, um auf die eine oder andere Weise zu erklären, wie einige in den Konzilstexten vorhandene Formulierungen mit der Überlieferung nicht in Widerspruch stehen, und somit auch die eigentliche Bedeutung einiger in diesen Abschnitten enthaltener Ausdrücke zu klären. Abschließend sollte man sich in diesem Zusammenhang vor Augen halten, daß seit dem Abschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen ist und in diesen Jahrzehnten vier Päpste einander auf dem Stuhl Petri nachgefolgt sind. Wer das Lehramt dieser Päpste und die entsprechende Zustimmung dazu von seiten des Episkopats untersucht, bei dem sollte sich eine eventuell gegebene Schwierigkeit in ruhige und freudige Zustimmung zum Lehramt, dem authentischen Ausleger der Glaubenslehre, verwandeln. Das erscheint auch dann möglich und wünschenswert, wenn weiterhin Aspekte bestehen bleiben, die rational nicht vollkommen erfaßt werden. In jedem Fall bleiben rechtmäßige Räume theologischer Freiheit für ein stets angemesseneres Bemühen um Vertiefung. So hat Benedikt XVI. kürzlich geschrieben, daß "die wesentlichen Inhalte, die seit Jahrhunderten das Erbe aller Gläubigen bilden, immer neu bekräftigt, verstanden und vertieft werden müssen, um unter geschichtlichen Bedingungen, die sich von denen der Vergangenheit unterscheiden, ein kohärentes Zeugnis zu geben" (Benedikt XVI., Motu proprio Porta fidei, Nr. 4). [ENDE DES BEITRAGES VON MSGR. FERNANDO OCÁRIZ, OPUS DEI.] Damit keine Mißverständnisse aufkommen: natürlich gehöre ich keinem Opus an, aber ich schließe mich der Darlegung des genannten Mitbruders voll und ganz an, um das XXI. Ökumenische Konzil gleichzeitig vor progressistischen und traditionalistischen Übertreibungen zu schützen. Und ich wünsche auf Basis dessen allen Lesern und Leserinnen eine gnadenreiche Weihnachtszeit in der Freude über den gottmenschlichen König in der Krippe und schon jetzt ein glückliches Jahr 2012 im Heiligen Geist. Euer Padre Alex - Dr. Alexander Pytlik Samstag, 22. Oktober 2011
PAPST BENEDIKT XVI. AUF DEM ... Geschrieben von Padre Alex / Dr. Alexander Pytlik
in Katholische Lehre, Kirchenrecht, News Kommentare um
13:00
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PAPST BENEDIKT XVI. AUF DEM GEISTLICHEN WEG NACH ASSISI
Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. setzt auf vielen Ebenen fort, was der selige Papst Johannes Paul II. angestoßen oder bereits voll und ganz begonnen hatte. Dies betrifft sowohl die Sorge um die sichtbare Einheit der Katholischen Kirche mit allen ihren lebendigen Riten als auch die Aufgaben der Mission und des interreligiösen Dialoges, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können. In Fortsetzung bisheriger Blogeinträge zur Piusbruderschaft-Thematik (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) biete ich zunächst noch die deutsche Übersetzung der französischsprachigen Mitteilung des Heiligen Stuhles vom 14. September 2011 (Verlinkungen von mir):
MITTEILUNG DES HEILIGEN STUHLES: TREFFEN ZWISCHEN DER KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE UND DER PRIESTERBRUDERSCHAFT SANKT PIUS X. Am 14. September 2011 hat am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre eine Begegnung Seiner Eminenz, des hochwürdigsten William Kardinal Levada, Präfekt dieser Kongregation und Präsident der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Seiner Exzellenz Bischof Luis Ladaria SJ, Sekretär dieser Kongegration, und des Herrn Prälaten Guido Pozzo, Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, mit Seiner Exzellenz Bischof Bernard Fellay, Generaloberer der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., und den Priestern Niklaus Pfluger und Alain-Marc Nély, Generalassistenten der Bruderschaft, stattgefunden. Im Gefolge der am 15. Dezember 2008 an Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. gerichteten Bitte des Generaloberen der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. hatte der Heilige Vater die Entscheidung getroffen, die Exkommunikation der vier von Bischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfe aufzuheben und gleichzeitig mit der Bruderschaft Gespräche zur Glaubenslehre zu beginnen, um die Schwierigkeiten und Probleme des lehrmäßigen Bereiches zu überwinden und zur Heilung des bestehenden Bruches zu gelangen. Im Gehorsam gegenüber dem Willen des Heiligen Vaters hat sich eine gemischte Studienkommission - zusammengesetzt aus Experten der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. und aus Experten der Kongregation für die Glaubenslehre - acht Mal zu Begegnungen getroffen, die in der Zeit vom Oktober 2009 bis April 2011 in Rom stattgefunden haben. Diese Gespräche, deren Ziel es war, die wichtigeren lehrmäßigen Schwierigkeiten bei kontroversen Thematiken auszuarbeiten und zu vertiefen, haben ihren Zweck erfüllt, nämlich die diesbezüglichen Positionen und ihre Begründungen abzuklären. Unter Berücksichtigung der von der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. eingebrachten Sorgen und Bitten, die sich auf die Einhaltung der Integrität des katholischen Glaubens gegenüber der Hermeneutik des Bruches des II. Vatikanisches Konzils im Hinblick auf die Tradition beziehen - eine von Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache an die Römische Kurie mit Datum vom 22. Dezember 2005 benannte Hermeneutik -, sieht die Kongregation für die Glaubenslehre als fundamentale Ausgangsbasis der vollständigen Versöhnung mit dem Apostolischen Stuhl die Annahme der doktrinellen Präambel an, die im Verlaufe der Begegnung des 14. September 2011 ausgehändigt worden ist. Diese Präambel legt bestimmte lehrmäßige Prinzipien und Kriterien zur Interpretation der katholischen Glaubenslehre dar, die notwendig sind, um die Treue zum Lehramt der Kirche und zum sentire cum Ecclesia sicherzustellen, wobei in alledem das Studium und die theologische Erklärung von Ausdrücken oder bestimmter Formulierungen, die in den Texten des II. Vatikanischen Konzils und des nachfolgenden Lehramtes enthalten sind, für eine legitime Diskussion offen bleiben. Im Verlaufe desselben Treffens sind bestimmte Elemente im Hinblick auf eine kirchenrechtliche Lösung für die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. vorgelegt worden, die der erhofften eventuellen Versöhnung folgen würde. [ENDE MEINER DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG.] So wird sich nun auch zeigen, wie sich das (in etwas anderem Kontext vor einigen Monaten noch sehr stark diskutierte) Gehorsamsverständnis der Priesterbruderschaft St. Pius X. auf ihre Antwort gegenüber dem Heiligen Stuhl auswirken wird. Diesbezüglich sind die Bischöfe der Priesterbruderschaft - und nicht nur sie - auch an das geltende Direktorium für den pastoralen Dienst der Bischöfe Apostolorum Successores vom 22. Februar 2004 zu erinnern, das noch vom seligen Papst Johannes Paul II. approbiert und zur Veröffentlichung bestimmt worden ist. Heute konnte ja zum ersten Mal der Gedenktag desselben seliggesprochenen Papstes gefeiert werden. Und um einmal mehr aufzuzeigen, wie sehr sich sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. an seinem Vorgänger orientiert und dessen Weg weitergeht, übernehme ich als eine Art Vorbereitung für den kommenden Donnerstag in Assisi zwei Ansprachen von der Apostolischen Reise in Deutschland, nämlich anläßlich der Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und anläßlich der Begegnung mit Vertretern der muslimischen Gemeinde, wobei ich auch Verlinkungen vornehme: BEGEGNUNG MIT VERTRETERN DER JÜDISCHEN GEMEINDE: ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. Berliner Reichstagsgebäude, Donnerstag, 22. September 2011 Sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde! Ich freue mich ehrlich über diese Zusammenkunft mit Ihnen hier in Berlin. Ganz herzlich danke ich Herrn Präsident Dr. Dieter Graumann für die freundlichen und auch für seine nachdenklichen Worte. Sie machen mir deutlich, wie viel Vertrauen gewachsen ist zwischen dem jüdischen Volk und der Katholischen Kirche, die einen nicht unwesentlichen Teil ihrer grundlegenden Traditionen gemeinsam haben, wie Sie betonten. Zugleich ist uns allen klar, daß ein liebendes verstehendes Ineinander von Israel und Kirche im jeweiligen Respekt für das Sein des anderen immer noch weiter wachsen muß und tief in die Verkündigung des Glaubens einzubeziehen ist. Bei meinem Besuch in der Kölner Synagoge vor sechs Jahren sprach Rabbiner Teitelbaum über die Erinnerung als eine der Säulen, die man braucht, um darauf eine friedliche Zukunft zu gründen. Und heute befinde ich mich an einem zentralen Ort der Erinnerung, der schrecklichen Erinnerung, daß von hier aus die Shoah, die Vernichtung der jüdischen Mitbürger in Europa geplant und organisiert wurde. In Deutschland lebten vor dem Naziterror ungefähr eine halbe Million Juden, die einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft bildeten. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Deutschland als das "Land der Shoah", in dem man eigentlich nicht mehr leben konnte als Jude. Es gab zunächst kaum Anstrengungen, die alten jüdischen Gemeinden neu zu begründen, auch wenn von Osten her stetig jüdische Einzelpersonen und Familien einreisten. Viele von ihnen wollten auswandern und sich vor allem in den Vereinigten Staaten oder in Israel eine neue Existenz aufbauen. An diesem Ort muß auch erinnert werden an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Nur wenige sahen die ganze Tragweite dieser menschenverachtenden Tat, wie der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der von der Kanzel der Sankt-Hedwigs-Kathedrale den Gläubigen zurief: "Draußen brennt der Tempel – das ist auch ein Gotteshaus". Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft gründete auf einem rassistischen Mythos, zu dem die Ablehnung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, des Gottes Jesu Christi und der an Ihn glaubenden Menschen gehörte. Der "Allmächtige", von dem Adolf Hitler sprach, war ein heidnisches Idol, das Ersatz sein wollte für den biblischen Gott, den Schöpfer und Vater aller Menschen. Mit der Verweigerung der Achtung vor diesem einen Gott geht immer auch die Achtung vor der Würde des Menschen verloren. Wozu der Mensch, der Gott ablehnt, fähig ist, und welches Gesicht ein Volk im Nein zu diesem Gott haben kann, haben die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern bei Kriegsende gezeigt. Angesichts dieser Erinnerung ist dankbar festzustellen, daß sich seit einigen Jahrzehnten eine neue Entwicklung zeigt, bei der man geradezu von einem Aufblühen jüdischen Lebens in Deutschland sprechen kann. Es ist hervorzuheben, daß sich die jüdische Gemeinschaft in dieser Zeit besonders um die Integration osteuropäischer Einwanderer verdient gemacht hat. Dankbar möchte ich auch auf den sich vertiefenden Dialog zwischen der Katholischen Kirche und dem Judentum hinweisen. Die Kirche empfindet eine große Nähe zum jüdischen Volk. Mit der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde ein "unwiderruflicher Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“ eingeschlagen (vgl. Rede in der Synagoge in Rom, 17. Januar 2010). Dies gilt für die Katholische Kirche als ganze, in der der selige Papst Johannes Paul II. sich besonders intensiv für diesen neuen Weg eingesetzt hat. Es gilt selbstverständlich auch für die Katholische Kirche in Deutschland, die sich ihrer besonderen Verantwortung in dieser Sache bewußt ist. In der Öffentlichkeit wird vor allem die "Woche der Brüderlichkeit“ wahrgenommen, die von den lokalen Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr in der ersten Märzwoche organisiert wird. Von katholischer Seite gibt es zudem jährliche Treffen zwischen Bischöfen und Rabbinern sowie strukturierte Gespräche mit dem Zentralrat der Juden. Schon in den 70er Jahren trat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) mit der Errichtung eines Gesprächskreises "Juden und Christen“ hervor, der in fundierter Weise im Laufe der Jahre viele hilfreiche Verlautbarungen hervorgebracht hat. Und nicht unerwähnt lassen möchte ich das historische Treffen im März 2006 für den jüdisch-christlichen Dialog unter Beteiligung von Kardinal Walter Kasper. Diese Zusammenarbeit trägt Früchte. Neben diesen wichtigen Initiativen scheint mir, daß wir Christen uns auch immer mehr unserer inneren Verwandtschaft mit dem Judentum klar werden müssen, von der Sie gesprochen haben. Für Christen kann es keinen Bruch im Heilsgeschehen geben. Das Heil kommt nun einmal von den Juden (vgl. Joh 4,22). Wo der Konflikt Jesu mit dem Judentum seiner Zeit in oberflächlicher Manier als eine Loslösung vom Alten Bund gesehen wird, wird er auf die Idee einer Befreiung hinauslaufen, die die Tora nur als sklavische Befolgung von Riten und äußeren Observanzen mißdeutet. Tatsächlich hebt aber die Bergpredigt das mosaische Gesetz nicht auf, sondern enthüllt seine verborgenen Möglichkeiten und läßt neue Ansprüche hervortreten. Sie verweist uns auf den tiefsten Grund menschlichen Tuns, das Herz, wo der Mensch zwischen dem Reinen und dem Unreinen wählt, wo sich Glaube, Hoffnung und Liebe entfalten. Die Hoffnungsbotschaft, die die Bücher der hebräischen Bibel und des christlichen Alten Testaments überliefern, ist von Juden und Christen in unterschiedlicher Weise angeeignet und weitergeführt worden. "Wir erkennen es nach Jahrhunderten des Gegeneinanders als unsere heutige Aufgabe, daß diese beiden Weisen der Schriftlektüre – die christliche und die jüdische – miteinander in Dialog treten müssen, um Gottes Willen und Wort recht zu verstehen" (Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, S. 49) Dieser Dialog soll die gemeinsame Hoffnung auf Gott in einer zunehmend säkularen Gesellschaft stärken. Ohne diese Hoffnung verliert die Gesellschaft ihre Humanität. Insgesamt dürfen wir feststellen, daß der Austausch der Katholischen Kirche mit dem Judentum in Deutschland schon verheißungsvolle Früchte getragen hat. Beständige vertrauensvolle Beziehungen sind gewachsen. Juden und Christen haben gewiß eine gemeinsame Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft, die immer auch eine religiöse Dimension hat. Mögen alle Beteiligten diesen Weg gemeinsam weitergehen. Dazu schenke der Einzige und Allmächtige, Ha Kadosch Baruch Hu, seinen Segen. Ich danke Ihnen. BEGEGNUNG MIT VERTRETERN DER MUSLIMISCHEN GEMEINDE: ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. Apostolische Nuntiatur Berlin, Freitag, 23. September 2011 Liebe muslimische Freunde! Ich freue mich, Sie als Vertreter verschiedener muslimischer Gemeinschaften in Deutschland heute hier willkommen zu heißen. Sehr herzlich danke ich Professor Mouhanad Khorchide für die freundlichen Worte der Begrüßung und die tiefen Reflexionen, die er uns vorgelegt hat. Sie zeigen, wie zwischen der Katholischen Kirche und den muslimischen Gemeinschaften in Deutschland ein Klima des Respekts und des Vertrauens gewachsen ist und das gemeinsam uns Tragende sichtbar wird. Berlin ist ein günstiger Ort für ein solches Treffen, nicht nur weil sich hier die älteste Moschee auf Deutschlands Boden befindet, sondern auch weil in Berlin die meisten Muslime im Vergleich zu allen anderen Städten Deutschlands wohnen. Die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien ist seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden. Allerdings wird es notwendig sein, beständig daran zu arbeiten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen. Dies ist nicht nur für ein friedvolles Zusammenleben wichtig, sondern auch für den Beitrag, den jeder für den Aufbau des Gemeinwohls in dieser Gesellschaft zu leisten vermag. Viele Muslime messen der religiösen Dimension des Lebens große Bedeutung bei. Das wird zuweilen als Provokation aufgefaßt in einer Gesellschaft, die dazu neigt, diesen Aspekt an den Rand zu drängen oder ihn höchstens im Bereich der privaten Entscheidungen des einzelnen gelten zu lassen. Die Katholische Kirche setzt sich entschieden dafür ein, daß der öffentlichen Dimension der Religionszughörigkeit eine angemessene Anerkennung zuteil wird. In einer überwiegend pluralistischen Gesellschaft wird dieser Anspruch nicht bedeutungslos. Dabei ist darauf zu achten, daß der Respekt gegenüber dem anderen stets gewahrt bleibt. Dieser gegenseitige Respekt füreinander wächst nur auf der Basis des Einvernehmens über einige unveräußerliche Werte, die der Natur des Menschen eigen sind, insbesondere der unverletzlichen Würde jeder einzelnen Person als Geschöpf Gottes. Dieses Einvernehmen schränkt den Ausdruck der verschiedenen Religionen nicht ein; im Gegenteil erlaubt es jedem Menschen, konstruktiv zu bezeugen, woran er glaubt, ohne sich dem Vergleich mit dem anderen zu entziehen. In Deutschland – wie in vielen anderen, nicht nur westlichen Ländern – ist dieser allgemeine Bezugsrahmen durch die Verfassung vorgegeben, deren rechtlicher Gehalt für jeden Bürger verbindlich ist, sei er nun Mitglied einer Glaubensgemeinschaft oder nicht. Sicher ist die Diskussion über die beste Formulierung von Prinzipien wie der öffentlichen Religionsausübung weitgreifend und immer offen, allerdings ist die Tatsache bedeutsam, daß das deutsche Grundgesetz sie nun schon seit über 60 Jahren in einer bis heute gültigen Weise zum Ausdruck bringt (vgl. Art. 4,2). In ihm finden wir vor allem jenes gemeinsame Ethos, das Grundlage des menschlichen Zusammenlebens ist und das in gewisser Weise auch die scheinbar nur formalen Regeln des Funktionierens der institutionellen Organe und des demokratischen Lebens prägt. Wir könnten uns fragen, wieso ein solcher Text, der in einer radikal verschiedenen geschichtlichen Epoche, also in einer fast einheitlich christlichen kulturellen Situation, erarbeitet wurde, auch für das heutige Deutschland paßt, das in einer Situation einer globalisierten Welt lebt und durch einen bemerkenswerten Pluralismus im Bereich der Glaubensüberzeugungen geprägt ist. Mir scheint, der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß den Vätern des Grundgesetzes in jenem wichtigen Augenblick voll bewußt war, einen wirklich soliden Grund suchen zu müssen, auf dem alle Bürger sich wiederfinden konnten und der für alle tragende Grundlage sein kann über Verschiedenheiten hinweg. Indem sie so handelten, auf die Menschenwürde und die Verantwortung vor Gott abzustellen, sahen sie nicht von der eigenen Glaubenszugehörigkeit ab; für nicht wenige von ihnen war ja das christliche Menschenbild die wahre inspirierende Kraft. Sie wußten aber, daß sich alle Menschen mit anderen konfessionellen und auch nichtreligiösen Hintergründen auseinandersetzen müssen: der gemeinsame Grund für alle wurde in der Anerkennung einiger unveräußerlicher Rechte gefunden, die der menschlichen Natur eigen sind und jeder positiven Formulierung vorausgehen. In dieser Weise legte eine damals im wesentlichen homogene Gesellschaft das Fundament, das wir heute als gültig für eine vom Pluralismus geprägte Zeit ansehen dürfen. Ein Fundament, das in Wirklichkeit auch einem solchen Pluralismus seine offensichtlichen Grenzen zeigt: es ist nämlich nicht denkbar, daß eine Gesellschaft sich auf lange Sicht ohne einen Konsens über die grundlegenden ethischen Werte halten kann. Liebe Freunde! Auf der Grundlage dessen, was ich hier angedeutet habe, scheint mir eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen möglich zu sein. Und damit tragen wir zum Aufbau einer Gesellschaft bei, die in vieler Hinsicht von dem, was wir aus der Vergangenheit mitbrachten, verschieden ist. Als Menschen des Glaubens können wir, von unseren jeweiligen Überzeugungen ausgehend, ein wichtiges Zeugnis in vielen entscheidenden Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geben. Ich denke hier zum Beispiel an den Schutz der Familie auf der Grundlage der Ehegemeinschaft, an die Ehrfurcht vor dem Leben in jeder Phase seines natürlichen Verlaufs oder an die Förderung einer größeren sozialen Gerechtigkeit. Auch deshalb halte ich es für wichtig, einen Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu begehen. Dies wollen wir, wie Sie wissen, am kommenden 27. Oktober (2011) in Assisi durchführen, 25 Jahre nach dem historischen Treffen dort unter der Leitung meines Vorgängers, des seligen Papstes Johannes Pauls II. Mit dieser Zusammenkunft wollen wir in schlichter Weise zum Ausdruck bringen, daß wir als Menschen des Glaubens unseren besonderen Beitrag für den Aufbau einer besseren Welt leisten, wobei wir zugleich die Notwendigkeit anerkennen, für die Wirksamkeit unserer Taten im Dialog und in der gegenseitigen Wertschätzung zu wachsen. Mit diesen Gedanken entbiete ich Ihnen nochmals meinen herzlichen Gruß und danke Ihnen für diese Begegnung, die für den Aufenthalt in meinem Vaterland für mich eine große Bereicherung ist. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! [ENDE DER BEIDEN ANSPRACHEN SEINER HEILIGKEIT PAPST BENEDIKT XVI.] Und Papst Benedikt XVI. hat außerdem in einem eigenen, bereits am 11. Oktober 2011 unterzeichneten und als Motu Proprio gegebenen Apostolischen Schreiben Porta fidei ("Tür des Glaubens") angekündigt, daß im kommenden Jahr zur 50. Wiederkehr der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils ein Jahr des Glaubens beginnen werde. Und so kann jeder unvoreingenommene Beobachter erkennen, wie ernst der regierende Nachfolger des heiligen Petrus seinen Dienst auf allen Ebenen der universalen Kirche nimmt. Beten wir für ihn und das Gelingen des Friedenstreffens in Assisi! Euer Padre Alex - Dr. Alexander Pytlik Donnerstag, 11. August 2011
HEILIGER MAXIMILIAN KOLBE: 70 JAHRE ... Geschrieben von Padre Alex / Dr. Alexander Pytlik
in Aktuelle Predigt, Katholische Lehre um
21:30
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HEILIGER MAXIMILIAN KOLBE: 70 JAHRE MARTYRIUM IN AUSCHWITZ
Am kommenden Sonntag, dem 14. August 2011, jährt sich zum 70. Mal das Martyrium des heiligen Maximilian Kolbe. Aus diesem Anlaß heraus übernehme ich die päpstlichen Predigten zu seiner Seligsprechung (vor 40 Jahren) und zu seiner Heiligsprechung von der Internetseite des Heiligen Stuhles und übertrage diese beiden aus dem Italienischen ins Deutsche:
I. FEIERLICHE SELIGSPRECHUNG VON PATER MAXIMILIAN MARIA KOLBE - PREDIGT VON PAPST PAUL VI. (Sonntag, 17. Oktober 1971): Maximilian Maria Kolbe ein Seliger. Was bedeutet dies? Es will heißen, daß die Kirche in ihm einen ganz besonderen Menschen sieht, einen, in dem die Gnade Gottes und seine Seele in solcher Weise aufeinander getroffen sind, daß daraus ein wundervolles Leben hervorging, in dem der gute Beobachter die Symbiose eines doppelten Wirkungsprinzips entdeckt, des göttlichen und des menschlichen - geheimnisvoll das eine, experimentell das andere, übernatürlich und doch im Inneren das eine, natürlich und doch komplex wie ausgedehnt das andere, bis zum Erreichen jenes einzigartigen Profils moralischer und geistlicher Größe, die wir Heiligkeit nennen, das heißt die nach religiösen Kriterien erreichte Vollkommenheit, die - wie man weiß - zu den unendlichen Höhen des Absoluten strebt. Selig will also heißen, jener Verehrung würdig zu sein, das heißt jenes gestatteten und entsprechenden lokalen Kultes, welcher die Bewunderung dessen einschließt, der wegen mancher außergewöhnlicher und prachtvoller Wirkung des heiligenden Geistes Objekt derselben Verehrung ist. Selig will heißen gerettet und siegreich. Will heißen Bürger des Himmels mit allen Eigenheiten des Erdenbürgers; will heißen Bruder und Freund, um den wir noch als den unsrigen wissen, sogar mehr denn je als den unsrigen, weil er identifiziert ist als fruchtbares Glied der Gemeinschaft der Heiligen, die jener mystische Leib Christi ist, die Kirche, die sowohl in der Zeit als auch in der Ewigkeit lebt; will heißen Fürsprecher und deshalb Protektor im Reich der Liebe, und gemeinsam mit Christus «lebt er allezeit, um für uns einzutreten» (Hebr 7,25; vgl. Röm 8,34); will schließlich heißen exemplarischer Champion, die Sorte Mensch, an dem wir unsere Lebensform ausrichten können, weil beim Seligen das Privileg des Apostels Paulus anerkannt ist, dem christlichen Volk sagen zu können: «Haltet euch an mein Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme» (1 Kor 4,16; 11,1; Phil 3, 17; vgl. 1 Thess 3,7). LEBEN UND WERKE DES NEUEN SELIGEN So können wir von heute an Maximilian Kolbe als neuen Seligen betrachten. Aber wer ist Maximilian Kolbe? Ihr wißt es, ihr kennt ihn. Steht er doch unserer Generation so nahe, ist er doch so durchtränkt von der gelebten Erfahrung dieser unserer Zeit, alles weiß man von ihm. Wenig andere Prozesse sind wahrscheinlich so gut dokumentiert wie dieser. Nur wegen unserer modernen Leidenschaft für die historische Wahrheit lesen Wir - einer Inschrift ähnlich - das biographische Profil von Pater Kolbe, das wir einem seiner unermüdlichsten Erforscher verdanken: «P. Maximilian Kolbe wurde am 8. Januar 1894 in Zdusnka Wola, in der Nähe von Lodz, geboren. Nachdem er im Jahr 1907 ins Seminar der Minoriten-Konventualen eingetreten war, wurde er nach Rom gesendet, um die kirchlichen Studien an der Päpstlichen Universität Gregoriana und am "Seraphicum" seines Ordens fortzusetzen. Noch als Student ersann er eine Institution, die Miliz der Unbefleckten. Zum Priester ausgeweiht am 28. April 1918 und nach Polen heimgekehrt, begann er sein marianisches Apostolat, insbesondere mit der Monatspublikation Rycerz Niepokalanej (der Ritter der Unbefleckten), welche im Jahr 1938 eine Million Exemplare erreichte. 1927 gründete er die Niepokalanów (Stadt der Unbefleckten), Zentrum des religiösen Lebens und diverser Formen des Apostolates. 1930 brach er nach Japan auf, wo er eine weitere ähnliche Institution gründete. Nach seiner definitiven Rückkehr nach Polen widmete er sich ganz seinem Werk, mit verschiedenen religiösen Publikationen. Der Zweite Weltkrieg überraschte ihn an der Spitze des eindrucksvollsten polnischen Verlagskomplexes. Am 19. September 1939 wurde er von der Gestapo festgenommen, die ihn zuerst nach Lamsdorf (Deutschland) deportierte, später ins provisorische Konzentrationslager Amtitz. Nach seiner Freilassung am 8. Dezember 1939 kehrte er nach Niepokalanów zurück und nahm die unterbrochene Tätigkeit wieder auf. Wieder festgenommen im Jahr 1941, wurde er ins Pawiak-Gefängnis in Warschau eingesperrt und dann ins Konzentrationslager von Oswiecim (Auschwitz) deportiert. Nachdem er das Leben als Ersatz für einen zum Tode verurteilten Unbekannten - es handelte sich um eine Repressalie für die Flucht eines Häftlings - angeboten hatte, wurde er in einen Bunker gesperrt, um darin den Hungertod zu erleiden. Am 14. August, Vigil der in den Himmel Aufgenommenen, durch eine Phenolininjektion verstorben, gab er seine gute Seele Gott zurück, nachdem er zuvor noch seinen Leidensgenossen beigestanden war und sie getröstet hatte. Sein Leib wurde verbrannt» (Pater Ernesto Piacentini, O.F.M. Conv.) DIE VEREHRUNG DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS Aber bei einer Zeremonie wie dieser entschwindet der biographische Anhaltspunkt im Lichte der großen Hauptlinien der zusammengeschauten Gestalt des neuen Seligen; und wir richten unseren Blick für einen Moment auf diese Linien, die ihn charakterisieren und ihn unserem Gedenken anvertrauen. Maximilian Kolbe war ein Apostel der Verehrung der Madonna, und sie wurde von ihm in ihrem ersten, ursprünglichen und vorzüglichen Glanz, jenem ihrer Bezeichnung von Lourdes betrachtet: als die Unbefleckte Empfängnis. Es ist unmöglich, den Namen, die Aktivität, die Mission des seligen Kolbe vom Namen der unbefleckten Maria abzutrennen. Er war es, der die Miliz der Unbefleckten hier in Rom am 16. Oktober 1917 gründete, noch bevor er zum Priester geweiht wurde. Wir können heute diesen Jahrestag begehen. Er ist bekannt als der demütige und milde Franziskaner, und mit unglaublicher Kühnheit sowie außerordentlichem Organisationstalent entfaltete er die Initiative. Und die fromme Verehrung der Mutter Christi, geschaut in ihrem Sonnenkleid (vgl. Offb 12,1), wurde der Brennpunkt seiner Spiritualität, seines Apostolates, seiner Theologie. Kein Zweifel möge unsere Bewunderung und unsere Zustimmung zu diesem Auftrag beeinträchtigen, den uns der neue Selige als Erbe und Vorbild hinterlassen hat, als ob auch Wir Mißtrauen hegten gegenüber einer ähnlichen marianischen Lobpreisung und als ob sich zwei andere theologische und geistliche Strömungen, die heute im religiösen Denken und Leben vorherrschen - jene christologische und jene ekklesiologische - im Wettstreit mit jener mariologischen befänden. Kein Wettstreit. Im Denken Kolbes behält Christus nicht nur den ersten Platz, sondern - absolut gesprochen - den einzig notwendigen und ausreichenden Platz in der Heilsökonomie; und auch die Liebe zur Kirche und zu ihrer Sendung ist in der Konzeption der Lehre oder in der apostolischen Zielsetzung des neuen Seligen nicht vergessen. Im Gegenteil, gerade aus der untergeordneten Komplementarität der Gottesmutter - im Hinblick auf den kosmologischen, anthropologischen und soteriologischen Plan Christi - entspringt jedes ihrer Vorrechte und ihre ganze Größe. Das wissen Wir genau. Und Kolbe sieht Maria so wie die ganze katholische Lehre, die ganze katholische Liturgie und die ganze katholische Spiritualität eingefügt in den göttlichen Plan als «Fixpunkt des ewigen Ratschlusses», als die voll der Gnade, als den Sitz der Weisheit, als die zur Mutterschaft Christi Vorherbestimmte, als die Königin des messianischen Reiches (Lk 1,33), und gleichzeitig als die Magd des Herrn, als die dazu Erwählte, der Inkarnation des Wortes ihre unersetzliche Kooperation darzubieten, als die Mutter des Gottmenschen, unseres Erlösers: «Maria ist diejenige, durch welche die Menschen bei Jesus ankommen, und diejenige, durch welche Jesus bei den Menschen ankommt» (L. BOUYER, Le trône de la Sagesse, S. 69). Unserem Seligen sind daher keine Vorwürfe zu machen - auch nicht der Kirche mit ihm gemeinsam - wegen seines Enthusiasmus, der der Verehrung der Jungfrau gewidmet ist; die Verehrung ist nie dem Zentralen gleichgestellt noch gibt es einen Vorrang einer solchen Verehrung, eben wegen des Geheimnisses der Gemeinschaft, die Maria mit Christus vereint und die im Neuen Testament so überzeugend dokumentiert ist; aus der Verehrung erwächst nie eine «Mariolatrie». So wie die Sonne nie vom Mond verdunkelt wird; ebensowenig wird jemals die dem Dienst der Kirche im eigentlichen Sinne anvertraute Rettungsmission beeinträchtigt, wenn diese versteht, Maria als ihre eine herausragende Tochter und als ihre geistliche Mutter zu verehren. Wenn man so will, ist der charakteristische Aspekt, ja sogar aus sich heraus der Ausgangspunkt der Frömmigkeit, der Mehrverehrung Mariens, von Seiten des seligen Kolbe die Bedeutung, die er ihr zuschreibt im Hinblick auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Kirche, auf die Wirksamkeit ihrer Weissagung über die Herrlichkeit des Herrn und auf die Erhöhung der Niedrigen, auf die Mächtigkeit ihrer Fürsprache, auf den Glanz ihrer Vorbildlichkeit, auf die Präsenz ihrer mütterlichen Liebe. Das Konzil hat uns in diesen Gewißheiten bestätigt, und nun belehrt und hilft uns vom Himmel her Pater Kolbe, diese zu meditieren und zu leben. Dieses marianische Profil des neuen Seligen qualifiziert ihn und ordnet ihn den großen Heiligen und den vorausblickenden Denkern zu, die das Geheimnis Mariens verstanden, verehrt und besungen haben. TRAGISCHER UND HERAUSRAGENDER EPILOG Und dann sind wir beim tragischen und herausragenden Epilog des unschuldigen apostolischen Lebens von Maximilian Kolbe. Von diesem Epilog her rührt hauptsächlich die Verherrlichung, welche die Kirche heute in bezug auf den demütigen, milden und fruchtbringenden Ordensmann, auf den mustergültigen Schüler des heiligen Franziskus, auf den in Maria, die Unbefleckte, verliebten Ritter feiert. Die Szene seines zeitlichen Endes ist so schrecklich und erschütternd, daß Wir vorzögen, darüber nicht zu sprechen und sie nie mehr zu betrachten, um nicht zu sehen, bis wohin die unmenschliche Erniedrigung durch die Präpotenz gehen kann, die sich aus ungerührter Grausamkeit gegenüber Menschenwesen, die auf wehrlose Sklaven reduziert und zur Ausrottung bestimmt sind, das Podest der Größe und Herrlichkeit verschafft; und es waren Millionen solcher, die dem Stolz der Gewalt und dem Wahn des Rassismus geopfert wurden. Und doch bedarf es des Nachdenkens über diese finstere Szene, um darin manchen Funken verbliebener Menschlichkeit zu erblicken. O weh, die Geschichte darf diese ihre fürchterliche Seite nicht vergessen. Und so kann sie nicht anders als den bestürzten Blick auf die hellen Punkte richten, die sich aus ihr ergeben, aber gemeinsam besiegen sie so die unbegreifliche Finsternis. Einer dieser Punkte, ja vielleicht der leuchtendste und funkelndste, ist die zermürbte, gelassene Figur des Maximilian Kolbe. Der stille und immer fromme Held, der getragen ist von einem paradoxen und doch vernünftig durchdachten Vertrauen. Sein Name wird unter den Großen verbleiben und wird enthüllen, welche Rücklagen an moralischen Werten bei jenen unglücklichen Massen brachliegen, die vor Angst und Verzweiflung erstarrt sind. Und nun umhüllen Wir diesen immensen Vorhof des Todes mit einem göttlichen und unvergänglichen Wort des Lebens, mit jenem von Jesus, welches das Geheimnis des schuldlosen Leidens offenbart - Sühne zu sein, Opfer zu sein und schließlich Liebe zu sein: «Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt» (Joh 15,13). Jesus sprach von Sich angesichts Seiner bevorstehenden Hinopferung für die Rettung der Menschen. Die Menschen sind alle Freunde Jesu, wenn sie wenigstens Sein Wort hören. Pater Kolbe verwirklichte im verhängnisvollen Lager von Auschwitz den Spruch der befreienden Liebe auf zweifache Weise (unter doppeltem Titel): DER PRIESTER, «ALTER CHRISTUS» (1.) Wer erinnert sich nicht an die unvergleichliche Episode? «Ich bin ein katholischer Priester», sagte er, als er sein Leben dem Tod darbot - und welchem Tod! - um einen unbekannten Schicksalsgefährten das Überleben zu ermöglichen, der nämlich schon für die blinde Blutrache bestimmt war. Und das war ein gewaltiger Moment: das Angebot wurde angenommen. Es ging hervor aus dem Herzen, das eingeübt war, sich selbst zu schenken, als natürliche, spontane und sozusagen logische Konsequenz des eigenen Priestertums. Ist nicht ein Priester ein «zweiter Christus»? War nicht Christus als Priester das Erlösungsopfer des Menschengeschlechtes? Welcher Ruhm, welches Beispiel für uns Priester, in diesem neuen Seligen einen Interpreten dieser unserer Weihe und unserer Sendung zu erkennen! Welche Ermahnung in dieser Stunde der Unsicherheit, in der die menschliche Natur bisweilen gerne ihre Rechte dominieren lassen möchte gegenüber der übernatürlichen Berufung zur totalen Hingabe an Christus in demjenigen, der in Seine Nachfolge berufen ist! Und welcher Trost für die so geliebte und so edle, dichte und treue Schar der guten Priester und Ordensmänner, die ihre Sendung - auch in der legitimen und lobenswerten Intention, ihre Berufung von der persönlichen Mittelmäßigkeit und von der gesellschaftlichen Frustration abzuheben - so verstehen: ich bin ein katholischer Priester, und deshalb opfere ich mein Leben, um jenes der anderen zu retten! Dies scheint der Auftrag zu sein, den der Selige besonders an uns richtet, die Diener der Kirche Gottes, und in analoger Weise an alle, die den Geist dieses Auftrags annehmen. SOHN DES EDLEN UND KATHOLISCHEN POLEN (2.) Und diesem Titel des Priesters fügt sich noch ein anderer hinzu; ein weiterer Nachweis, daß das Opfer des Seligen seine Motivation in einer Freundschaft hatte: er war Pole. Als Pole wurde er zu jenem unglückseligen «Lager» verurteilt, und als Pole tauschte er sein Schicksal mit jenem, für das sein Landsmann Franciszek Gajowniczek vorgesehen war; das heißt, er erlitt die grausame Todesstrafe stellvertretend für ihn. Wie viele Dinge kommen einem in den Sinn in Erinnerung an diesen menschlichen, sozialen und ethnischen Aspekt des freiwilligen Sterbens von Maximilian Kolbe, der auch Sohn des edlen und katholischen Polen ist! Das historische Schicksal des Leidens dieser Nation scheint in diesem charakteristischen und heroischen Fall die säkulare Berufung des polnischen Volkes zu belegen, in der gemeinsamen Leidensgeschichte sein Bewußtsein der Einigkeit zu finden, seine ritterliche Mission hin zu der in der Würde des spontanen Opfers seiner Söhne erreichten Freiheit, und deren Bereitschaft, füreinander einzutreten zur Bewältigung der Lebhaftigkeit hin zu einer unbesiegbaren Eintracht, sein unzerstörbar katholischer Charakter, der das polnische Volk als ein lebendiges und geduldiges Glied der universalen Kirche auszeichnet, seine feste Überzeugung, daß im wunderbar-außergewöhnlichen, aber doch tief empfundenen Schutz der Madonna das Geheimnis seiner wieder aufkommenden Blüte liegt - das alles sind in Regenbogenfarben schillernde Strahlen, die vom frischgebackenen Märtyrer Polens ausgehen und das authentische, schicksalschwere Antlitz dieses Landes erstrahlen lassen, und sie regen uns an, den Seligen, seinen exemplarischen Helden, anzurufen für die Festigkeit im Glauben, für den Eifer in den Werken der Liebe, um Eintracht, Wohlfahrt und Frieden seines ganzen Volkes. Die Kirche und die Welt werden davon gemeinsam profitieren. Und so sei es. II. FEIERLICHE HEILIGSPRECHUNG VON PATER MAXIMILIAN MARIA KOLBE - PREDIGT DES SELIGEN JOHANNES PAUL II. (Sonntag, 10. Oktober 1982): 1. “Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). Von heute an wünscht die Kirche, einen Mann "heilig" zu nennen, dem es gewährt wurde, die genannten Worte des Erlösers in absolut buchstäblicher Weise zu erfüllen. Seht, tatsächlich gegen Ende des Monats Juli 1941, als sich auf Befehl des Lagerkommandanten die zum Hungertod bestimmten Gefangenen in der Reihe aufstellten, meldete sich spontan dieser Mensch, Maximilian Maria Kolbe, und erklärte sich bereit, für einen von ihnen ersatzweise in den Tod zu gehen. Diese Verfügbarkeit wurde angenommen, und nach mehr als zwei Wochen der durch den Hunger verursachten Qualen wurde Pater Maximilian schließlich am 14. August 1941 das Leben durch eine tödliche Injektion genommen. Das alles passierte im Konzentrationslager von Auschwitz, wo während des letzten Krieges etwa 4.000.000 Personen zu Tode gebracht wurden, darunter auch die Dienerin Gottes Edith Stein (die [heilige] Karmelitin Schwester Theresa Benedicta vom Kreuz), deren Seligsprechungsverfahren bei der zuständigen Kongregation läuft. Der Ungehorsam gegenüber Gott, dem Schöpfer des Lebens, der gesagt hat "Du sollst nicht töten", hat in diesem Ort das immense Blutbad vieler Unschuldiger bewirkt. Gleichzeitig ist unsere Epoche in so schrecklicher Weise von der Ausrottung des unschuldigen Menschenlebens gekennzeichnet geblieben. 2. Pater Maximilian Kolbe ist eben selbst als ein Gefangener des Konzentrationslagers an diesem Ort des Todes für das Recht auf Leben eines unschuldigen Menschen eingetreten, einer der 4.000.000. Dieser Mann (Franciszek Gajowniczek) lebt noch und befindet sich unter uns. Pater Kolbe hat das Recht auf das Leben verteidigt, indem er seine Bereitschaft erklärte, an dessen Stelle in den Tod zu gehen, weil dieser ein Familienvater und sein Leben für seine Lieben notwendig war. Pater Maximilian Maria Kolbe hat so das ausschließliche Recht des Schöpfers auf das Leben des unschuldigen Menschen bekräftigt und Zeugnis abgelegt für Christus und die Liebe. So schreibt ja der Apostel Johannes: “Daran haben wir die Liebe erkannt, daß Er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben" (1 Joh 3,16). Indem er sein Leben für einen Bruder hingegeben hat, ist Pater Maximilian, den die Kirche schon seit 1971 als "Seligen" verehrt, in einer besonderen Weise Christus ähnlich geworden. 3. Wir, die wir also heute, am Sonntag, dem 10. Oktober, vor der Basilika des heiligen Petrus vereint sind, wollen den besonderen Wert hervorheben, den der Märtyrertod des Pater Maximilian Kolbe in den Augen Gottes besitzt: “Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen” (Ps 115 [116],15), so haben wir beim Antwortpsalm wiederholt. Wahrhaftig, es ist kostbar und unschätzbar! Durch den Tod, den Christus auf dem Kreuz erlitten hat, hat sich die Erlösung der Welt vollzogen, weil dieser Tod den Wert der höchsten Liebe besitzt. Durch den von Pater Maximilian Kolbe erlittenen Tod hat sich ein glasklares Zeichen dieser Liebe in unserem Jahrhundert erneuert, das in höchstem Maße und auf unterschiedlichste Weise von der Sünde und vom Tod bedroht ist. Und so scheint sich in dieser feierlichen Liturgie der Heiligsprechung tatsächlich unter uns jener "Märtyrer der Liebe" aus Auschwitz (wie ihn Paul VI. nannte) zu melden und zu rufen: “Ach Herr, ich bin doch Dein Knecht, Dein Knecht bin ich, der Sohn Deiner Magd. Du hast meine Fesseln gelöst" (Ps 115 [116],16). Und indem er gewissermaßen das Opfer seines ganzen Lebens in einem zusammenschaut - er als Priester und geistlicher Sohn des heiligen Franziskus -, scheint er zu sagen: “Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat? Ich will den Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn." (Ps 115 [116],12 f.) Das sind Worte der Dankbarkeit. Der aus Liebe an Stelle des Bruders erlittene Tod ist ein heroischer Akt des Menschen, mittels dessen wir - gemeinsam mit dem neuen Heiligen - Gott preisen. Von Ihm kommt in der Tat die Gnade zu solchem Heldentum, zu diesem Martyrium. 4. Wir preisen also heute das große Werk Gottes im Menschen. Vor uns allen hier Versammelten erhebt Pater Maximilian Kolbe seinen "Kelch des Heils", in dem das Opfer seines ganzen Lebens enthalten ist, das besiegelt wurde mit dem Märtyrertod "für einen Bruder". Auf dieses endgültige Opfer bereitete sich Maximilian vor, indem er von den ersten Jahren seines Lebens an in Polen Christus nachfolgte. Aus diesen Jahren stammt der geheimnisvolle Traum zweiter Kronen: einer weißen und einer roten, unter denen unser Heiliger nicht auswählt, sondern beide annimmt. Seit den Jahren der Jugend war er durchdrungen von einer großen Liebe zu Christus und vom Wunsch nach dem Martyrium. Diese Liebe und dieser Wunsch begleiteten ihn auf dem Weg der franziskanischen und priesterlichen Berufung, auf die er sich sowohl in Polen als auch in Rom vorbereitete. Diese Liebe und dieser Wunsch folgten ihm in alle Orte des priesterlichen und franziskanischen Dienstes in Polen und auch beim missionarischen Dienst in Japan. 5. Die Inspiration seines ganzen Lebens war die Unbefleckte, der er seine Liebe zu Christus und seinen Wunsch zum Martyrium anvertraute. Im Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis enthüllte sich vor den Augen seiner Seele jene wundervolle und übernatürliche Welt der dem Menschen dargebotenen Gnade Gottes. Der Glaube und die Werke des gesamten Lebens von Pater Maximilian zeigen auf, daß er sein Zusammenwirken mit der göttlichen Gnade als eine Miliz unter dem Zeichen der Unbefleckten Empfängnis verstand. Die marianische Linie ist im Leben und bei der Heiligkeit des Pater Kolbe besonders ausdrucksvoll. Mit dieser Kennung ist auch sein ganzes Apostolat versehen gewesen, sei es im Vaterland, sei es in den Missionen. Sowohl in Polen als auch in Japan bestanden als Zentrum dieses Apostolates die speziellen Städte der Unbefleckten ("Niepokalanów" polnisch, "Mugenzai no Sono" japanisch). 6. Was ist im Hungerbunker des Konzentrationslagers Oswiecim (Auschwitz) am 14. August des Jahres 1941 passiert? Darauf gibt die heutige Liturgie Antwort: seht, Gott hat Maximilian Maria geprüft "und fand ihn Seiner würdig" (vgl. Weish 3,5). Er hat ihn erprobt “wie Gold im Schmelzofen und ihn angenommen als ein vollgültiges Opfer" (vgl. Weish 3,6). Auch wenn er “in den Augen der Menschen gestraft wurde", so ist doch "seine Hoffnung voll Unsterblichkeit", weil “die Seelen der Gerechten in Gottes Hand sind, und keine Qual kann sie berühren". Und wenn sie - menschlich gesprochen - die Qual und der Tod erreichen, wenn sie "in den Augen der Toren gestorben sind ...", wenn "ihr Scheiden von uns als Vernichtung galt ...", "sind sie im Frieden": sie erfahren das Leben und die Freude "in Gottes Händen" (vgl. Weish 3,1 - 4). Solches Leben ist Frucht des Todes, der dem Tode Christi ähnlich ist. Der Ruhm ist die Teilhabe an Seiner Auferstehung. Was passierte also am 14. August 1941 im Hungerbunker? Es erfüllten sich die von Christus an die Apostel gerichteten Worte, damit “sie sich aufmachen und Frucht bringen und ihre Frucht bleibe” (vgl. Joh 15,16). Auf wunderbare Weise setze sich die Frucht des heroischen Todes von Maximilian Kolbe in der Kirche und in der Welt fort! 7. Die Menschen betrachteten das, was im Lager von “Auschwitz" passiert war. Und wenn es auch in ihren Augen so erscheinen mußte, daß ein Gefährte ihrer Schmerzen "sterbe”, auch wenn sie rein menschlich "sein Hinscheiden" als "eine Vernichtung" ansehen konnten, war dies jedenfalls in ihrem Bewußtsein nicht alleine "der Tod". Maximilian starb nicht, sondern "gab sein Leben ... für den Bruder". In diesem Tod - schrecklich aus dem menschlichen Blickwinkel - war die ganze definitive Größe des menschlichen Aktes und der menschlichen Wahl enthalten: er bot sich von sich aus dem Tod aus Liebe an. Und in diesem seinen menschlichen Tod gab es das transparente Zeugnis, gegeben für Christus: das in Christus gegebene Zeugnis für die Würde des Menschen, für die Heiligkeit seines Lebens und für die erlösende Kraft des Todes, in dem sich die Macht der Liebe manifestiert. Eben deshalb wurde der Tod von Maximilian Kolbe zu einem Siegeszeichen. Dies war der aufgezeigte Sieg über das ganze System der Verachtung und des Hasses gegenüber dem Menschen und gegenüber dem, was im Menschen göttlich ist, sein Sieg ähnlich jenem, den unser Herr Jesus Christus auf Kalvaria eingefahren hat. “Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage" (Joh 15,14) 8. Die Kirche nimmt dieses Zeichen des Sieges, ermöglicht durch die Kraft der Erlösung Christi, mit Verehrung und Dankbarkeit entgegen. Sie sucht mit ganzer Demut und Liebe herauszulesen, was die Beredsamkeit des Siegeszeichens betrifft. Wie immer, wenn sie die Heiligkeit ihrer Söhne und ihrer Töchter proklamiert, so bemüht sie sich auch in diesem Fall, mit der ganzen notwendigen Präzision und Verantwortung vorzugehen, indem alle Aspekte des Lebens und des Sterbens des Dieners Gottes ergründet werden. Dennoch muß die Kirche gleichzeitig bei der Erkenntnis des Zeichens der von Gott her dessem irdischen Diener gewährten Heiligkeit hellhörig bleiben, damit sie nicht deren ganze Beredsamkeit und deren endgültige Bedeutung unbeachtet lasse. Und aus diesem Grunde mußten bei der Beurteilung der Causa des seligen Maximilian Kolbe - schon nach der Seligsprechung - zahlreiche Stimmen des Volkes Gottes erwogen werden, besonders von Seiten Unserer Brüder im Bischofsamt - sei es aus Polen wie auch aus Deutschland - die darum baten, Maximilian Kolbe "als Märtyrer" heiligzusprechen. Angesichts der Aussagekraft des Lebens und des Todes des seligen Maximilian kann man nicht anders als das anzuerkennen, was den hauptsächlichen und wesentlichen Inhalt des von Gott in dessen Sterben der Kirche und der Welt gegebenen Zeichens auszumachen scheint. Stellt dieser aus Liebe zum Menschen spontan auf sich genommene Tod nicht eine besondere Erfüllung der Worte Christi dar? Macht er Maximilian nicht Christus, dem Urbild aller Märtyrer, besonders ähnlich, der auf dem Kreuz Sein eigenes Leben für die Brüder hingibt? Besitzt nicht gerade ein solcher Tod eine besondere und durchschlagende Aussagekraft für unsere Epoche? Konstituiert er nicht ein besonders authentisches Zeugnis der Kirche in der Welt von heute? 9. Und deshalb habe ich kraft meiner apostolischen Autorität verfügt, daß Maximilian Maria Kolbe, der im Gefolge der Seligsprechung als Bekenner verehrt wurde, von nun an "auch als Märtyrer" verehrt werde! “Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen"! AMEN. ***** (Nach dem Abschluß der italienisch gehaltenen Predigt faßt der Heilige Vater die soeben ausgedrückten Gedanken in deutscher Sprache zusammen:) Liebe Brüder und Schwestern deutscher Sprache! Durch die heutige Heiligsprechung stellt die Kirche das heroische Lebensopfer von Pater Maximilian Kolbe als höchstes Zeugnis christlicher Bruderliebe vor Augen. Es geschah im Konzentrationslager von Auschwitz, wo zusammen mit ihm unter unzähligen gemarterten Menschen auch die Dienerin Gottes Edith Stein [= die heilige Theresia Benedicta vom Kreuz] den Tod gefunden hat. Auch für sie hat der Seligsprechungsprozeß schon begonnen. Durch seine heroische Liebestat hat Pater Maximilian Kolbe das Lebensrecht eines Unschuldigen verteidigt und das ausschließliche Recht des Schöpfers auf das Leben des Menschen bekräftigt. Er ist dadurch in einer besonderen Weise Christus ähnlich geworden, der sein Leben am Kreuz für uns hingegeben hat. Folgen auch wir wie der heilige Maximilian Kolbe diesem Beispiel Christi in opferbereitem, liebendem Einsatz für unsere Mitmenschen! [ENDE DER BEIDEN PÄPSTLICHEN PREDIGTEN ZU EHREN DES HEILIGEN MAXIMILIAN KOLBE.] Im Geiste der Marienverehrung des heiligen Franziskanerminoriten Maximilian Kolbe wünsche ich schon heute - am Gedenktag der heiligen Klara von Assisi, deren Fest wir morgen auch noch nach dem Kalendarium für die außerordentliche Form des Römische Ritus begehen - allen Lesern und Leserinnen von Herzen für den 15. August einen gnadenreichen Feiertag der Aufnahme Mariens in den Himmel - mit Seele und Leib - und einen wunderschönen Beginn der marianischen Wallfahrtszeit des Frauendreißigers wie bei uns in Eichstätt - Buchenhüll! Euer Padre Alex - Kirchenrektor Dr. Alexander Pytlik Sonntag, 2. Januar 2011
DER PAPST FÜR 2011: ... Geschrieben von Padre Alex / Dr. Alexander Pytlik
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DER PAPST FÜR 2011: RELIGIONSFREIHEIT ALS WEG FÜR DEN FRIEDEN
Schon zu Beginn des neuen Jahres 2011 erweist sich die am 8. Dezember 2010 von Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. unterzeichnete Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 2011 als dermaßen aktuell und richtungsweisend, daß ich den gesamten Text hier in einen Blogeintrag übernehme. Der Heilige Vater geht ganz klar den alternativlosen Weg seiner Vorgänger, insbesondere des verehrungswürdigen Dieners Gottes Johannes Paul II., in Treue zum XXI. Ökumenischen Konzil der Katholischen Kirche weiter. Dies wird sich vor allem im Oktober 2011 in Assisi zeigen, was nicht nur für die Kirche Christi, die wir in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche erkennen, von existentieller Bedeutung sein wird, sondern für alle Christen, alle Religionen und die ganze Welt:
RELIGIONSFREIHEIT, EIN WEG FÜR DEN FRIEDEN 1. Zu Beginn eines neuen Jahres will mein Glückwunsch alle und jeden einzelnen erreichen; es ist ein Wunsch für ein frohes Wohlergehen, vor allem aber ist es ein Friedenswunsch. Auch das Jahr, das seine Türen schließt, war leider von Verfolgung, von Diskriminierung, von schrecklichen Gewalttaten und von religiöser Intoleranz gezeichnet. Ich denke besonders an das geschätzte Land Irak, das auf seinem Weg in die ersehnte Stabilität und Versöhnung weiterhin ein Schauplatz von Gewalt und Anschlägen ist. Mir kommen die jüngsten Leiden der christlichen Gemeinde in den Sinn und insbesondere der niederträchtige Angriff auf die syro-katholische Kathedrale „Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe“ in Bagdad, wo am vergangenen 31. Oktober zwei Priester und über fünfzig Gläubige, die zur Feier der heiligen Messe versammelt waren, getötet wurden. Diesem Anschlag folgten in den Tagen danach weitere Angriffe, auch auf Privathäuser. Sie haben in der christlichen Gemeinde Angst ausgelöst sowie bei vielen ihrer Mitglieder den Wunsch geweckt, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen zu emigrieren. Ihnen bekunde ich meine Nähe und die der ganzen Kirche, was auch in der kürzlich abgehaltenen Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten konkret zum Ausdruck gekommen ist. Diese Versammlung hat die katholischen Gemeinden im Irak und im gesamten Nahen Osten ermutigt, die Gemeinschaft zu leben und in jenen Ländern weiterhin ein mutiges Glaubenszeugnis zu geben. Von Herzen danke ich den Regierungen, die sich bemühen, die Leiden dieser Brüder und Schwestern in ihrer menschlichen Existenz zu lindern, und fordere die Katholiken auf, für ihre Brüder und Schwestern im Glauben, die unter Gewalt und Intoleranz leiden, zu beten und sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. In diesem Zusammenhang schien mir eine besonders gute Gelegenheit gegeben, euch allen einige Gedanken über die Religionsfreiheit als Weg für den Frieden mitzuteilen. Denn es ist schmerzlich festzustellen, daß es in einigen Regionen der Welt nicht möglich ist, den eigenen Glauben frei zu bekennen und zum Ausdruck zu bringen, ohne das Leben und die persönliche Freiheit aufs Spiel zu setzen. In anderen Gebieten existieren lautlosere und raffiniertere Formen von Vorurteil und Widerstand gegen die Gläubigen und gegen religiöse Symbole. Die Christen sind gegenwärtig die Religionsgruppe, welche die meisten Verfolgungen aufgrund ihres Glaubens erleidet. Viele erfahren tagtäglich Beleidigungen und leben oft in Angst wegen ihrer Suche nach der Wahrheit, wegen ihres Glaubens an Jesus Christus und wegen ihres offenen Aufrufs zur Anerkennung der Religionsfreiheit. Das kann man alles nicht dulden, weil es eine Beleidigung Gottes und der Menschenwürde ist; es stellt außerdem eine Bedrohung für die Sicherheit und den Frieden dar und verhindert eine echte ganzheitliche Entwicklung des Menschen. [Anm. 1 = Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 29.55 - 57.] In der Religionsfreiheit nämlich findet die Besonderheit der menschlichen Person, durch die sie das eigene persönliche und gemeinschaftliche Leben auf Gott hinordnen kann, ihren Ausdruck: Im Licht Gottes versteht man die Identität, den Sinn und das Ziel der Person vollständig. Diese Freiheit willkürlich zu verweigern oder zu beschränken bedeutet, eine verkürzende Sicht des Menschen zu haben; die öffentliche Rolle der Religion zu verdunkeln bedeutet, eine ungerechte Gesellschaft aufzubauen, da sie nicht im rechten Verhältnis zur wahren Natur der menschlichen Person steht; dies bedeutet, die Durchsetzung eines echten und dauerhaften Friedens der ganzen Menschheitsfamilie unmöglich zu machen. Ich fordere daher die Menschen guten Willens auf, den Einsatz für den Aufbau einer Welt zu erneuern, in der alle frei sind, ihre Religion oder ihren Glauben zu bekennen und ihre Liebe zu Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken zu leben (vgl. Mt 22,37). Das ist die Gesinnung, welche die Botschaft zur Feier des XLIV. Weltfriedenstags, die dem Thema Religionsfreiheit, ein Weg für den Frieden gewidmet ist, inspiriert und leitet. Das heilige Recht auf Leben und auf ein religiöses Leben 2. Das Recht auf Religionsfreiheit ist in der Würde des Menschen selbst verankert [Anm. 2 = Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 2], dessen transzendente Natur nicht ignoriert oder vernachlässigt werden darf. Gott hat Mann und Frau als sein Abbild erschaffen (vgl. Gen 1,27). Deshalb besitzt jeder Mensch das heilige Recht auf ein ganzheitliches Leben auch in spiritueller Hinsicht. Ohne die Anerkennung des eigenen geistigen Wesens, ohne die Öffnung auf das Transzendente hin zieht der Mensch sich auf sich selbst zurück, kann er keine Antworten auf die Fragen seines Herzens nach dem Sinn des Lebens finden und keine dauerhaften ethischen Werte und Grundsätze gewinnen, kann er nicht einmal echte Freiheit erfahren und eine gerechte Gesellschaft entwickeln.[Anm. 3 = Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 78.] Die Heilige Schrift offenbart in Übereinstimmung mit unserer eigenen Erfahrung den tiefen Wert der Menschenwürde: „Seh ich den Himmel, das Werk Deiner Finger, Mond und Sterne, die Du befestigt: Was ist der Mensch, daß Du an ihn denkst, des Menschen Kind, daß Du Dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt“ (Ps 8,4 - 7). Angesichts der erhabenen Wirklichkeit der menschlichen Natur kann uns das gleiche Staunen überkommen, das der Psalmist zum Ausdruck bringt. Sie zeigt sich als ein Offensein für das Mysterium, als die Fähigkeit, den Fragen über sich selbst und über den Ursprung des Universums auf den Grund zu gehen, als innerer Widerhall der höchsten Liebe Gottes, der Ursprung und Ziel aller Dinge, eines jeden Menschen und aller Völker ist. [Anm. 4 = Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, 1.] Die transzendente Würde der Person ist ein wesentlicher Wert der jüdisch-christlichen Weisheit, sie kann aber dank der Vernunft von allen erkannt werden. Diese Würde im Sinn einer Fähigkeit, die eigene Materialität zu überschreiten und die Wahrheit zu suchen, muß als ein allgemeines Gut anerkannt werden, das für den Aufbau einer auf die volle Verwirklichung des Menschen ausgerichteten Gesellschaft unverzichtbar ist. Die Achtung wesentlicher Elemente der Menschenwürde wie das Recht auf Leben und das Recht auf die Religionsfreiheit ist eine Bedingung für die moralische Legitimität jeder gesellschaftlichen und rechtlichen Vorschrift. Religionsfreiheit und gegenseitige Achtung 3. Die Religionsfreiheit ist der Ausgangspunkt der moralischen Freiheit. Tatsächlich verleiht das in der menschlichen Natur verwurzelte Offensein für die Wahrheit und das Gute jedem Menschen volle Würde und gewährleistet den gegenseitigen Respekt zwischen Personen. Darum ist die Religionsfreiheit nicht nur als Schutz gegenüber Nötigungen zu verstehen, sondern in erster Linie als Fähigkeit, die eigenen Entscheidungen gemäß der Wahrheit zu ordnen. Es besteht eine untrennbare Verbindung zwischen Freiheit und Achtung des anderen: „Die einzelnen Menschen und die sozialen Gruppen sind bei der Ausübung ihrer Rechte durch das Sittengesetz verpflichtet, sowohl die Rechte der andern wie auch die eigenen Pflichten den anderen und dem Gemeinwohl gegenüber zu beachten.“ [Anm. 5 = Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 7.] Eine Gott gegenüber feindliche oder gleichgültige Freiheit endet in der Verneinung ihrer selbst und gewährleistet nicht die vollkommene Achtung gegenüber dem anderen. Ein Wille, der sich für gänzlich unfähig hält, die Wahrheit und das Gute zu suchen, hat keine objektiven Gründe noch Motive für sein Handeln außer denen, die seine augenblicklichen und zufälligen Interessen ihm diktieren; er hat keine „Identität“, die durch wirklich freie und bewußte Entscheidungen zu schützen und aufzubauen ist. Er kann daher nicht die Achtung seitens anderer „Willen“ fordern, die sich ebenfalls von ihrem tiefsten Sein losgelöst haben, die also andere „Gründe“ oder sogar gar keinen „Grund“ geltend machen können. Die Illusion, im ethischen Relativismus den Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben zu finden, ist in Wirklichkeit der Ursprung von Spaltungen und von Verneinung der Würde der Menschen. So ist es verständlicherweise notwendig, eine zweifache Dimension in der Einheit der menschlichen Person anzuerkennen: die religiöse und die soziale. In diesem Zusammenhang ist es unvorstellbar, daß die Gläubigen „einen Teil von sich – ihren Glauben – unterdrücken müssen, um aktive Bürger zu sein. Es sollte niemals erforderlich sein, Gott zu verleugnen, um in den Genuß der eigenen Rechte zu kommen“. [Anm. 6 = Benedikt XVI., Ansprache an die Generalversammlung der Organisation der Vereinten Nationen (18. April 2008): AAS 100 (2008), 337.] Die Familie, eine Schule der Freiheit und des Friedens 4. Wenn die Religionsfreiheit ein Weg für den Frieden ist, dann ist die religiöse Erziehung der bevorzugte Weg, die neuen Generationen zu befähigen, im anderen den eigenen Bruder bzw. die eigene Schwester zu erkennen, mit denen man gemeinsam vorangehen und zusammenarbeiten muß, damit alle sich als lebendige Glieder ein und derselben Menschheitsfamilie empfinden, aus der niemand ausgeschlossen werden darf. Die auf die Ehe gegründete Familie, Ausdruck inniger Gemeinschaft und gegenseitiger Ergänzung zwischen einem Mann und einer Frau, fügt sich in diesen Zusammenhang als die erste Schule von Bildung und von sozialem, kulturellem, moralischem und geistlichem Wachstum der Kinder ein, die im Vater und in der Mutter stets die ersten Zeugen eines Lebens finden sollten, das auf die Suche nach der Wahrheit und die Liebe zu Gott ausgerichtet ist. Die Eltern selbst müßten immer frei sein, ihr Erbe des Glaubens, der Werte und der Kultur ohne Zwänge und in Verantwortung an ihre Kinder weiterzugeben. Die Familie, die erste Zelle der menschlichen Gesellschaft, ist der vorrangige Bereich der Erziehung zu harmonischen Beziehungen auf allen nationalen und internationalen Ebenen menschlichen Zusammenlebens. Das ist der Weg, der weise eingeschlagen werden muß, um ein solides und solidarisches gesellschaftliches Gefüge zu schaffen, um die jungen Menschen darauf vorzubereiten, im Leben ihre Verantwortung zu übernehmen, in einer freien Gesellschaft, in einem Geist der Verständnisses und des Friedens. Ein gemeinsames Erbe 5. Man könnte sagen, daß unter den Grundrechten und Grundfreiheiten, die in der Menschenwürde wurzeln, die Religionsfreiheit einen speziellen Stand besitzt. Wenn die Religionsfreiheit anerkannt wird, ist die Würde der Person in ihrer Wurzel geachtet und das Ethos sowie die Institutionen der Völker werden gestärkt. Wenn umgekehrt die Religionsfreiheit verweigert wird, wenn versucht wird zu verbieten, daß man die eigene Religion oder den eigenen Glauben bekennt und ihnen gemäß lebt, wird die Würde des Menschen beleidigt, und mit ihr werden die Gerechtigkeit und der Frieden bedroht, die auf jener rechten, im Licht des höchsten Wahren und Guten aufgebauten gesellschaftlichen Ordnung basieren. In diesem Sinne ist die Religionsfreiheit auch eine Errungenschaft politischer und rechtlicher Kultur. Sie ist ein wesentliches Gut: Jeder Mensch muß frei das Recht wahrnehmen können, seine Religion oder seinen Glauben als einzelner oder gemeinschaftlich zu bekennen und auszudrücken, sowohl öffentlich als auch privat, im Unterricht, in Bräuchen, in Veröffentlichungen, im Kult und in der Befolgung der Riten. Er dürfte nicht auf Hindernisse stoßen, falls er sich eventuell einer anderen Religion anschließen oder gar keine Religion bekennen wollte. In diesem Bereich erweist sich die internationale Ordnung als bedeutungsvoll und ist ein wesentlicher Bezugspunkt für die Staaten, da sie keinerlei Ausnahme von der Religionsfreiheit gestattet, außer dem legitimen Bedürfnis der öffentlichen Ordnung, die auf der Gerechtigkeit beruht. [Anm. 7 = Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 2.] Auf diese Weise erkennt die internationale Ordnung den Rechten religiöser Natur den gleichen Status zu wie dem Recht auf Leben und auf persönliche Freiheit, womit sie deren Zugehörigkeit zum wesentlichen Kern der Menschenrechte beweist, zu jenen universalen und natürlichen Rechten, die das menschliche Gesetz niemals verweigern darf. Die Religionsfreiheit ist nicht ausschließliches Erbe der Gläubigen, sondern der gesamten Familie der Völker der Erde. Sie ist ein unabdingbares Element eines Rechtsstaates; man kann sie nicht verweigern, ohne zugleich alle Grundrechte und -freiheiten zu verletzen, da sie deren Zusammenfassung und Gipfel ist. Sie ist „eine Art ‚Lackmustest‘ für die Achtung aller weiteren Menschenrechte“. [Anm. 8 = Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der Konferenz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE (10. Oktober 2003), 1: AAS 96 (2004), 111.] Während sie die Ausübung der spezifisch menschlichen Fähigkeiten fördert, schafft sie die nötigen Voraussetzungen für die Verwirklichung einer ganzheitlichen Entwicklung, die einheitlich die Ganzheit der Person in allen ihren Dimensionen betrifft.[Anm. 9 = Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 11.] Die öffentliche Dimension der Religion 6. Obschon die Religionsfreiheit wie jede Freiheit von der persönlichen Sphäre ausgeht, verwirklicht sie sich in der Beziehung zu den anderen. Eine Freiheit ohne Beziehung ist keine vollendete Freiheit. Auch die Religionsfreiheit erschöpft sich nicht in der rein individuellen Dimension, sondern sie verwirklicht sich in der eigenen Gemeinschaft und in der Gesellschaft, in Übereinstimmung mit dem relationalen Wesen der Person und mit der öffentlichen Natur der Religion. Der relationale Charakter ist eine entscheidende Komponente der Religionsfreiheit, die die Gemeinschaften der Gläubigen zur Solidarität für das Gemeinwohl drängt. In dieser gemeinschaftlichen Dimension bleibt jeder Mensch einzig und unwiederholbar, und zugleich vollendet und verwirklicht er sich ganz. Der Beitrag, den die religiösen Gemeinschaften für die Gesellschaft leisten, ist unbestreitbar. Zahlreiche karitative und kulturelle Einrichtungen bestätigen die konstruktive Rolle der Gläubigen für das gesellschaftliche Leben. Noch bedeutender ist der ethische Beitrag der Religion im politischen Bereich. Er sollte nicht marginalisiert oder verboten, sondern als wertvolle Unterstützung zur Förderung des Gemeinwohls verstanden werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die religiöse Dimension der Kultur zu erwähnen, die über die Jahrhunderte hin durch die sozialen und vor allem ethischen Beiträge der Religion entwickelt wurde. Diese Dimension stellt keinesfalls eine Diskriminierung derer dar, die ihre Glaubensinhalte nicht teilen, sondern sie stärkt vielmehr den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Integration und die Solidarität. Religionsfreiheit, eine Kraft der Freiheit und der Zivilisation: die Gefahren ihrer Instrumentalisierung 7. Die Instrumentalisierung der Religionsfreiheit zur Verschleierung geheimer Interessen – wie zum Beispiel der Umsturz der konstituierten Ordnung, das Horten von Ressourcen oder die Erhaltung der Macht durch eine Gruppe – kann der Gesellschaft ungeheuren Schaden zufügen. Fanatismus, Fundamentalismus und Handlungen, die gegen die Menschenrechte verstoßen, können niemals gerechtfertigt werden, am wenigsten, wenn sie im Namen der Religion geschehen. Das Bekenntnis einer Religion darf nicht instrumentalisiert, noch mit Gewalt aufgezwungen werden. Die Staaten und die verschiedenen menschlichen Gemeinschaften dürfen also niemals vergessen, daß die Religionsfreiheit die Voraussetzung für die Suche nach der Wahrheit ist und daß sich die Wahrheit nicht mit Gewalt durchsetzt, sondern „kraft der Wahrheit selbst“. [Anm. 10 = Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 1.] In diesem Sinne ist die Religion eine positive und treibende Kraft für den Aufbau der zivilen und der politischen Gesellschaft. Wie könnte man den Beitrag der großen Weltreligionen zur Entwicklung der Zivilisation leugnen? Die aufrichtige Suche nach Gott hat zu einer vermehrten Achtung der Menschenwürde geführt. Die christlichen Gemeinschaften haben mit ihrem Erbe an Werten und Grundsätzen erheblich dazu beigetragen, daß Menschen und Völker sich ihrer eigenen Identität und ihrer Würde bewußt wurden, und ebenso sind sie an der Errungenschaft demokratischer Einrichtungen sowie an der Festschreibung der Menschenrechte und der entsprechenden Pflichten beteiligt. Auch heute, in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft, sind die Christen berufen, nicht allein mit einem verantwortlichen zivilen, wirtschaftlichen und politischen Engagement, sondern auch mit dem Zeugnis der eigenen Nächstenliebe und des persönlichen Glaubens einen wertvollen Beitrag zu leisten zum mühsamen und erhebenden Einsatz für die Gerechtigkeit, für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und für die rechte Ordnung der menschlichen Angelegenheiten. Die Ausschließung der Religion aus dem öffentlichen Leben entzieht diesem einen lebenswichtigen Bereich, der offen ist für die Transzendenz. Ohne diese Grunderfahrung ist es schwierig, die Gesellschaften auf allgemeine ethische Grundsätze hin zu orientieren, und kaum möglich, nationale und internationale Richtlinien aufzustellen, in denen die Grundrechte und -freiheiten vollständig anerkannt und verwirklicht werden können, entsprechend den – leider immer noch unbeachteten oder bestrittenen – Zielsetzungen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Eine Frage der Gerechtigkeit und der Zivilisation: Der Fundamentalismus und die Feindseligkeit gegenüber Gläubigen beeinträchtigen die positive Laizität der Staaten 8. Mit der gleichen Entschiedenheit, mit der alle Formen von Fanatismus und religiösem Fundamentalismus verurteilt werden, muß auch allen Formen von Religionsfeindlichkeit, die die öffentliche Rolle der Gläubigen im zivilen und politischen Leben begrenzen, entgegengetreten werden. Man darf nicht vergessen, daß der religiöse Fundamentalismus und der Laizismus spiegelbildlich einander gegenüberstehende extreme Formen der Ablehnung des legitimen Pluralismus und des Prinzips der Laizität sind. Beide setzen nämlich eine einengende und partielle Sicht des Menschen absolut, indem sie im ersten Fall Formen von religiösem Integralismus und im zweiten von Rationalismus unterstützen. Die Gesellschaft, die die Religion gewaltsam aufzwingen oder – im Gegenteil – verbieten will, ist ungerecht gegenüber dem Menschen und Gott, aber auch gegenüber sich selbst. Gott ruft die Menschheit zu sich mit einem Plan der Liebe, der den ganzen Menschen in seiner natürlichen und geistlichen Dimension einbezieht und zugleich eine Antwort in Freiheit und Verantwortung erwartet, die aus ganzem Herzen und mit der ganzen individuellen und gemeinschaftlichen Existenz gegeben wird. So muß also auch die Gesellschaft, insofern sie Ausdruck der Person und der Gesamtheit der sie grundlegenden Dimensionen ist, so leben und sich organisieren, daß sie das Sich-öffnen auf die Transzendenz hin begünstigt. Genau aus diesem Grund dürfen die Gesetze und die Institutionen einer Gesellschaft nicht so gestaltet sein, daß sie die religiöse Dimension der Bürger nicht beachten oder gänzlich von ihr absehen. Durch das demokratische Wirken von Bürgern, die sich ihrer hohen Berufung bewußt sind, müssen die Gesetze und Institutionen dem Wesen des Menschen angepaßt werden, damit sie ihn in seiner religiösen Dimension unterstützen können. Da diese kein Werk des Staates ist, kann sie nicht manipuliert werden, sondern muß vielmehr anerkannt und respektiert werden. Wenn die Rechtsordnung – sei es auf nationaler oder internationaler Ebene – den religiösen oder antireligiösen Fanatismus zuläßt oder toleriert, kommt sie ihrer Aufgabe nicht nach, die Gerechtigkeit und das Recht eines jeden zu schützen und zu fördern. Diese Wirklichkeiten können nicht der Willkür des Gesetzgebers oder der Mehrheit ausgesetzt werden, denn – wie schon Cicero lehrte – die Rechtsprechung besteht aus mehr als einer bloßen Schaffung des Gesetzes und seiner Anwendung. Sie schließt ein, jedem seine Würde zuzuerkennen.[Anm. 11 = Vgl. Cicero, De inventione, II, 160.] Und diese ist ohne garantierte und in ihrem Wesen gelebte Religionsfreiheit verstümmelt und verletzt, der Gefahr ausgesetzt, unter die Vorherrschaft von Götzen, von relativen Gütern zu geraten, die absolut gesetzt werden. All das bringt die Gesellschaft in die Gefahr von politischen und ideologischen Totalitarismen, welche die öffentliche Macht nachdrücklich betonen, während die Gewissensfreiheit, die Freiheit des Denkens und die Religionsfreiheit, als wären sie Konkurrenten, Beeinträchtigungen oder Zwang erleiden. Der Dialog zwischen zivilen und religiösen Institutionen 9. Das Erbe an Grundsätzen und an Werten, die durch eine authentische Religiosität zum Ausdruck kommen, ist ein Reichtum für die Völker und ihr Ethos. Es spricht unmittelbar das Gewissen und die Vernunft der Menschen an, erinnert an das Gebot der moralischen Umkehr, motiviert dazu, die Tugenden zu üben und im Zeichen der Brüderlichkeit als Glieder der großen Menschheitsfamilie einander in Liebe zu begegnen.[Anm. 12 = Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Vertreter anderer Religionen in Großbritannien (17. September 2010): L’Osservatore Romano (dt.), 24. September 2010, S. 10.] Unter Berücksichtigung der positiven Laizität der staatlichen Institutionen muß die öffentliche Dimension der Religion immer anerkannt werden. Zu diesem Zweck ist ein gesunder Dialog zwischen den zivilen und den religiösen Institutionen für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und der Eintracht der Gesellschaft von grundlegender Bedeutung. In der Liebe und der Wahrheit leben 10. In der globalisierten Welt, die von zunehmend multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften gekennzeichnet ist, können die großen Religionen einen wichtigen Faktor der Einheit und des Friedens für die Menschheitsfamilie darstellen. Auf der Basis der eigenen religiösen Überzeugungen und der rationalen Suche nach dem Gemeinwohl sollen ihre Anhänger verantwortungsvoll ihren eigenen Einsatz in einem Umfeld der Religionsfreiheit ausüben. Es ist notwendig, in den verschiedenen religiösen Kulturen das zu beherzigen, was sich für das zivile Miteinander als positiv erweist, während alles der Würde des Menschen Entgegenstehende verworfen werden muß. Der öffentliche Raum, den die internationale Gemeinschaft den Religionen und ihrem Angebot eines „guten Lebens“ zur Verfügung stellt, fördert das Hervortreten eines gemeinsam geteilten Maßstabs der Wahrheit und des Guten wie auch einen moralischen Konsens – beides Dinge, die für ein gerechtes und friedvolles Miteinander grundlegend sind. Die Leader der großen Religionen sind wegen ihrer Rolle, ihres Einflusses und ihrer Autorität in ihren eigenen Gemeinschaften als erste zum gegenseitigen Respekt und zum Dialog angehalten. Die Christen ihrerseits werden vom Glauben an Gott selbst, dem Vater des Herrn Jesus Christus, dazu aufgefordert, als Brüder und Schwestern zu leben, die in der Kirche zusammenkommen und am Aufbau einer neuen Welt mitarbeiten, der prophetischen Vorwegnahme der Reiches Gottes, wo die Menschen und Völker „nichts Böses mehr tun und kein Verbrechen begehen […]; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist“ (vgl. Jes 11,9). Dialog als gemeinsame Suche 11. Für die Kirche stellt der Dialog zwischen den Anhängern verschiedener Religionen ein wichtiges Werkzeug dar, um mit allen Religionsgemeinschaften zum Gemeinwohl zusammenzuarbeiten. Die Kirche selbst lehnt nichts von alledem ab, was in den verschiedenen Religionen wahr und heilig ist. „Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ [Anm. 13 = Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, 2.] Der aufgezeigte Weg ist nicht der des Relativismus oder des religiösen Synkretismus. Denn die Kirche „verkündet und sie muß verkündigen Christus, der ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ ist (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“ [Anm. 14 = Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, 2.]. Dies schließt jedoch den Dialog und die gemeinsame Suche nach der Wahrheit in verschiedenen Lebensumfeldern nicht aus, da nämlich, wie ein vom heiligen Thomas von Aquin oft gebrauchtes Wort sagt, „jede Wahrheit, von wem auch immer sie vorgebracht wird, vom Heiligen Geist kommt“ [Anm. 15 = Super Evangelium Joannis, I, 3.] Im Jahr 2011 begehen wir den 25. Jahrestag des Weltgebetstages für den Frieden, zu dem Papst Johannes Paul II. 1986 nach Assisi eingeladen hatte. Damals haben die Leader der großen Weltreligionen Zeugnis davon gegeben, daß die Religion ein Faktor der Einheit und des Friedens und nicht der Trennung und des Konflikts ist. Die Erinnerung an diese Erfahrung ist Grund zur Hoffnung auf eine Zukunft, in der alle Gläubigen sich als Arbeiter für die Gerechtigkeit und Friedensstifter sehen und wirklich zu solchen machen. Moralische Wahrheit in Politik und Diplomatie 12. Die Politik und die Diplomatie sollten auf das von den großen Weltreligionen angebotene moralische und geistige Erbe schauen, um die Wahrheit sowie die allgemeinen Prinzipien und Werte zu erkennen und zu vertreten, die nicht geleugnet werden können, ohne damit auch die Würde des Menschen zu leugnen. Was heißt aber, praktisch gesprochen, die moralische Wahrheit in der Welt der Politik und der Diplomatie zu fördern? Es bedeutet, auf der Basis der objektiven und vollständigen Kenntnis der Fakten verantwortungsvoll zu handeln; es bedeutet, politische Ideologien aufzubrechen, die die Wahrheit und die Würde des Menschen letztlich verdrängen und unter dem Vorwand des Friedens, der Entwicklung und der Menschenrechte Pseudo-Werte fördern wollen; es bedeutet, ein ständiges Bemühen zu fördern, das positive Recht auf die Prinzipien des Naturrechts zu gründen [Anm. 16 = Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Vertreter des öffentlichen Lebens und an das Diplomatische Corps in Zypern (5. Juni 2010): L’Osservatore Romano (dt.), 11. Juni 2010, S. 8; Internationale Theologenkommission, Auf der Suche nach einer universellen Ethik: ein neuer Blick auf das Naturgesetz, Vatikanstadt 2009.]. Das alles ist notwendig und hängt mit der Achtung der Würde und des Wertes der menschlichen Person zusammen, wie sie die Völker der Erde in der Charta der Organisation der Vereinten Nationen von 1945 festgelegt haben, welche die Werte und allgemeinen moralischen Prinzipien als Maßstab für die Normen, Einrichtungen und Systeme des Miteinanders auf nationaler und internationaler Ebene darlegt. Jenseits von Haß und Vorurteil 13. Trotz der Lehren der Geschichte und der Anstrengungen der Staaten, der internationalen Organisationen auf Welt- und Ortsebene, der Nichtregierungsorganisationen und aller Menschen guten Willens, die sich jeden Tag für den Schutz der Grundrechte und -freiheiten einsetzen, sind heute noch in der Welt Verfolgungen, Diskriminierungen, Akte der Gewalt und Intoleranz aus religiösen Gründen zu verzeichnen. Insbesondere in Asien und Afrika sind die Opfer hauptsächlich Angehörige der religiösen Minderheiten, die daran gehindert werden, die eigene Religion frei zu bekennen oder sie zu wechseln, und zwar durch Einschüchterung und Verletzung der Grundrechte, der Grundfreiheiten und der notwendigen Güter bis hin zur Beraubung der persönlichen Freiheit oder zum Verlust des Lebens selbst. Es gibt dann – wie ich bereits festgestellt habe – raffiniertere Formen der Feindseligkeit gegenüber der Religion, die in den westlichen Ländern mitunter in der Verleugnung der Geschichte und der religiösen Symbole, die die Identität und die Kultur der Mehrheit der Bürger widerspiegeln, zum Ausdruck gebracht werden. Oft fachen sie Haß und Vorurteile an und stehen nicht im Einklang mit einer sachlichen und ausgewogenen Sicht des Pluralismus und der Laizität der Institutionen, ohne zu beachten, daß die jungen Generationen Gefahr laufen, mit dem wertvollen geistigen Erbe ihrer Länder nicht in Berührung zu kommen. Die Verteidigung der Religion verläuft über die Verteidigung der Rechte und Freiheiten der Religionsgemeinschaften. Die Leader der großen Weltreligionen und die Verantwortlichen der Nationen mögen daher ihr Bemühen um die Förderung und den Schutz der Religionsfreiheit erneuern, insbesondere um die Verteidigung der religiösen Minderheiten, die keine Gefahr für die Identität der Mehrheit darstellen, sondern, im Gegenteil, eine Gelegenheit zum Dialog und zur gegenseitigen kulturellen Bereicherung. Ihre Verteidigung ist die ideale Art und Weise, den Geist des Wohlwollens, der Offenheit und der Gegenseitigkeit zu stärken, mit dem die Grundrechte und -freiheiten in allen Gebieten und Regionen der Welt geschützt werden können. Die Religionsfreiheit in der Welt 14. Ich wende mich schließlich den christlichen Gemeinschaften zu, die unter Verfolgung, Diskriminierung, Akten der Gewalt und der Intoleranz leiden, insbesondere in Asien, in Afrika, im Nahen Osten und besonders im Heiligen Land, dem von Gott auserlesenen und gesegneten Ort. Während ich ihnen meine väterliche Zuneigung erneuere und sie meines Gebetes versichere, bitte ich alle Verantwortlichen um schnelles Handeln, um jeden Übergriff auf Christen zu beenden, die in jenen Gebieten leben. Die Jünger Christi mögen angesichts der gegenwärtigen Widrigkeiten nicht den Mut verlieren, denn das Zeugnis des Evangeliums ist und wird immer ein Zeichen des Widerspruchs sein. Betrachten wir in unserem Herzen die Worte Jesu: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. [...] Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. [...] Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein“ (Mt 5,4 - 12). Erneuern wir nun „die übernommene Verpflichtung zur Nachsicht und zum Verzeihen, die wir im Vater unser von Gott erbitten, wo wir selbst die Bedingung und das Maß des ersehnten Erbarmens festlegen, wenn wir nämlich beten: ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘ (Mt 6,12)“. [Anm. 17 = Paul VI., Botschaft zum Weltfriedenstag 1976: AAS 67 (1975), 671.] Gewalt wird nicht mit Gewalt überwunden. Unser Schmerzensschrei soll immer vom Glauben, von der Hoffnung und vom Zeugnis der Liebe Gottes begleitet werden. Ich drücke auch meine Hoffnung aus, daß im Westen, besonders in Europa, die Feindschaft und die Vorurteile gegen Christen aufhören, die darauf beruhen, daß sie ihr eigenes Leben in einer konsequenten Weise nach den Werten und den Grundsätzen ausrichten wollen, wie sie im Evangelium zum Ausdruck gebracht sind. Europa möge sich vielmehr mit seinen eigenen christlichen Wurzeln wieder versöhnen, die grundlegend sind, um die Rolle zu begreifen, die es gehabt hat, die es hat und die es in der Geschichte haben will. So wird es auf Gerechtigkeit, Eintracht und Frieden hoffen können, wenn es einen ernsthaften Dialog mit allen Völkern pflegt. Religionsfreiheit, ein Weg für den Frieden 15. Die Welt braucht Gott. Sie braucht ethische und geistliche Werte, die allgemein geteilt werden. Und die Religion kann bei dieser Suche einen wertvollen Beitrag für den Aufbau einer gerechten und friedlichen sozialen Ordnung auf nationaler und internationaler Ebene leisten. Der Friede ist ein Geschenk Gottes und zugleich ein Plan, der realisiert werden muß und nie ganz vollendet ist. Eine mit Gott versöhnte Gesellschaft ist näher am Frieden, der nicht einfach das Fehlen von Krieg, nicht bloß Frucht militärischer oder wirtschaftlicher Vorherrschaft und noch weniger täuschender Irreführung oder geschickter Manipulationen ist. Der Friede ist hingegen das Ergebnis eines Prozesses der Reinigung und des kulturellen, moralischen und geistlichen Fortschritts einer jeden Person und eines jeden Volkes, in dem die menschliche Würde vollkommen geachtet wird. Alle, die Mitarbeiter des Friedens werden wollen, und besonders die Jugendlichen lade ich ein, auf ihre innere Stimme zu hören, um in Gott den festen Bezugspunkt für den Gewinn echter Freiheit und die unerschöpfliche Kraft zu finden, um die Welt mit einem neuen Geist auszurichten, der befähigt, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Papst Paul VI., dessen Weisheit und Weitblick die Einrichtung des Weltfriedenstags zu verdanken ist, lehrt: „Man muß dem Frieden vor allem andere Waffen geben als jene, die zum Töten und Vernichten der Menschheit bestimmt sind. Man braucht vor allem moralische Waffen, die dem internationalen Recht Kraft und Geltung verschaffen; zuallererst jene zur Einhaltung der Verträge.“ [Anm. 18 = Paul VI., Botschaft zum Weltfriedenstag 1976: AAS 67 (1975), 668.] Die Religionsfreiheit ist eine echte Waffe des Friedens mit einer geschichtlichen und prophetischen Mission. Sie bringt in der Tat die tiefsten Eigenschaften und Möglichkeiten des Menschen, die die Welt verändern und verbessern können, zur Geltung und macht sie fruchtbar. Sie erlaubt, die Hoffnung auf eine Zukunft der Gerechtigkeit und des Friedens zu nähren, auch gegenüber den schweren Ungerechtigkeiten sowie den materiellen und moralischen Nöten. Auf daß alle Menschen und die Gesellschaften auf allen Ebenen und in jedem Teil der Erde bald die Religionsfreiheit als Weg für den Frieden erfahren können! Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 2010 BENEDICTUS PP XVI [ÜBERNOMMEN VON DER SEITE DES HEILIGEN STUHLES.] |
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